Gender im Islam

Bericht zur Veranstaltung am 12.7.2018

Referentin: Yasemin Aydin ist Vize-Präsidentin der Journalists and Writers Foundation und leitet in dieser Funktion die Aktivitäten der Stiftung in Europa. Zu den Schwerpunkten von Frau Aydin gehören nachhaltiger Frieden und soziale Gerechtigkeit mit einem speziellen Fokus auf Gender. Sie ist ebenfalls seit 2012 die ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des Friede Instituts für Dialog in Wien, das sich für das gemeinsame friedvolle Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religion einsetzt. Frau Aydin ist zudem Mitglied des Österreichischen Nationalkomitees der UN Women.

Yasemin Aydin gab mit ihrem Vortrag einen soziokulturellen Einblick in die Aufgaben und Rechte von Mann und Frau im Islam.
Um die Entwicklungen und Umstände in der muslimisch geprägten Regionen zu verstehen, muss man sich zunächst historisch die Situation der Frau in der vorislamischen Zeit betrachten.
Mädchen wurden manchmal aus Angst vor Armut oder gesellschaftlichem Spott lebendig begraben. Dies wurde vom Islam verboten und in verschiedenen Hadithen des Propheten werden die Menschen daran erinnert, dass Töchter nicht weniger wertvoll sind als Söhne, bzw. wie besonders es ist, Eltern einer Tochter zu sein. Die lebendige Begrabung von Töchtern wurde jedoch nicht flächendeckend im arabischen Raum praktiziert, war aber zumindest im 6. Jahrhundert in der Region um Mekka ein Problem.
Demgegenüber gab es Frauen (wenn auch nicht viele), die mehrere Ehemänner hatten. Diese polyandrischen Eheformen waren eher selten der Fall, jedoch sind sie ein Hinweis für teilweise matriarchalische Strukturen in der damaligen Gesellschaft. Frauen konnten ihre eigenen Geschäfte betreiben und (wie es die erste Frau des Propheten Muhammed getan hat) einem Mann einen Heiratsantrag machen.

In der mekkanischen Periode (610-622 n. Chr.) gab es zunächst keine direkte Änderung der Stellung der Frau. Aber Frauen wie Sümeyye, eine Sklavin, die ihre Religion frei bestimmen wollte und zum Islam übertrat, und deshalb gefoltert und hingerichtet wurde, ist als erste Märtyrerin in die Geschichte der Muslime eingegangen. Auch waren Frauen bei der zweiten Aquaba-Delegation aus Yasrib dabei, die den weiten Weg auf sich nahmen, um dem Propheten ihre Treue zu schwören. In Mekka, wo es noch keine muslimische Gesellschaftsordnung gab, lag der Schwerpunkt ganz klar auf Glaubensfragen und nicht auf gesellschaftspolitischen und rechtlichen Fragen.

In der medinensischen Periode (622-632 n. Chr.) sah es dann deutlich anders aus. Gesellschaftspolitische Ausführungen im Koran und in den Hadithen sind in der Regel medinensisch. Einige Beispiele für die Veränderungen, die der Islam mit sich brachte, waren:

  • Verbot der Zwangsprostitution von Sklavinnen
  • Recht auf Privatsphäre (auch innerhalb eines Haushalts)
  • Einführung des Erbrechts für Frauen
  • Einführung des Scheidungsrechts für Frauen
  • Recht auf Unterhalt
  • Einführung von Eheverträgen
  • Verfügungsrecht über Besitz

Zudem wurden die Blutrache, Selbstjustiz und die Zwangsheirat verboten.

Nach der Zeit des Propheten flossen soziokulturelle Elemente in das muslimische Gesellschaftsleben ein. Zum Beispiel flossen beduinische Elemente aus der Zeit des Umayyaden Kalifats (bis 750 n. Chr.) ein. Das Leben der Frauen wurde somit geprägt durch:

  • Tradition
  • Patriarchat
  • Geschlechtertrennung und Unterdrückung der Frau
  • unterschiedliche Gesetzgebungen in mehrheitlich muslimischen Ländern

Noch heute werden diese Merkmale islamischen Vorgaben zugeschrieben, oder mit dem Islam legitimiert, sowohl von Muslimen als auch von Nichtmuslimen, obwohl die islamischen Quellen dies so nicht vorgeben. Kulturelle Traditionen werden in muslimischen Kreisen teilweise praktiziert als seien sie religiöse Pflichten.

Aydin betonte insbesondere die Schlüsselrolle der Bildung für die Emanzipation der Frauen. Ohne Bildung können muslimische Frauen nicht wissen, welche Möglichkeiten und Rechte sie haben. Mit dem Islam hatten die Frauen sehr früh den Zugang zur Bildung erlangt. Aber die Realität heute ist, dass ca. 40% der muslimischen Frauen in arabischsprachigen Ländern Analphabeten sind (wobei die genaue Datenerfassung sehr schwierig ist).
Bei den muslimischen Frauen in Europa kann man einen sozialen Wandel beobachten. Es gibt eine Vielfalt von Religiosität. Aber auch hier spielt die Bildung eine große Rolle. Muslimische Frauen sind zudem durch Diskriminierung von anderen doppelt belastet. Die rechtliche Absicherung gewährleistet nicht immer, dass die muslimische Frau auch in Europa vor einer Opferrolle geschützt ist.