Glaubenspraxis im Islam: „Zekat – Die soziale Säule der Muslim:innen“

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„Zekat - Die soziale Säule der Muslim:innen“

Im Rahmen unseres Projektes „Islam kompakt – Muslim:innen erzählen“ haben wir am 14.09.2023 zum Gesprächsabend „Zekat – Die soziale Säule der Muslim:innen“ mit Herrn Samir Mustafovski eingeladen. In dieser Reihe wurden die fünf Säulen des Islams thematisiert. Diese Veranstaltung war die dritte in dieser Reihe.

Samir Mustafovski ist gebürtiger Spandauer, Imam der Gemeinde der Roma und Sinti „Selam e.V.“ und seit acht Jahren Islam-Lehrer an einer Berliner Schule. An der Freien Universität hat er sowohl im Bachelor als auch im Master Islamwissenschaften studiert. Darüber hinaus hat er über mehrere Jahre die Bildung diverser Institutionen in Ägypten genossen, beispielsweise an der Universität Azher.

Imam Mustafovski erläuterte zunächst die philologische Bedeutung des Begriffs und erklärte danach, wie es im Koran vorkommt. Der Fokus seines Vortrags lag auf dem Koranvers, der die acht Kategorien derjenigen, denen die Zekat zusteht, aufzählt. Diese acht Gruppen erläuterte Mustafovski näher.

Die Zekat wird 28-mal im Koran in Verbindung mit dem täglichen Hauptgebet erwähnt. Das Interessante daran sei, dass das Gebet fünfmal am Tag verrichtet, die Zekat jedoch nur einmal im Mondjahr entrichtet wird. Das Gebet sei für den Muslim eine tägliche Erinnerung, eine Verbindung und Bindung mit Gott.

Der Begriff Zekat kommt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie „reinigen“ und „läutern“. Zekat ist sowohl die Läuterung der Seele als auch die Reinigung des materiellen Vermögens. Die Läuterung der Seele, des inneren Ichs, wie Mustafovski es bezeichnet, ist vielschichtig und vielseitig. Das innere Ich rufe den Menschen zur Faulheit, zu schlechten Taten und zu negativen Dingen auf und ein Muslim kämpfe täglich aufs Neue gegen das innere Ich und versuche Wohltaten zu vollbringen. Die Zekat reinige den Menschen, seine Seele von Geiz.

Auch wird das Vermögen gereinigt und gesegnet. Als Zekat wird 1/40 vom Vermögen abgegeben, das man ein Mondjahr lang in einer bestimmten Höhe besitzt. Die islamischen Gottesdienste orientieren sich am Mondkalender. Gibt also ein Muslim 2,5% seines Vermögens als Zekat ab, so wird sein restliches Vermögen, also die restlichen 97,5%, von Gott gesegnet.

Ein Muslim ist zekatpflichtig, wenn sein Vermögen den „Nisab“-Betrag über ein Mondjahr lang überschreitet. Das Mondjahr, an dem sich der islamische Kalender orientiert, ist 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Nisab ist die Mindestgrenze, ab der man zekatpflichtig ist. Klassisch liegt dieser Betrag bei ca. 85 gr Gold oder einem Besitz, der einen Wert von 85 gr Gold hat. Das heißt, Geld, Wertpapiere, Aktien oder Kryptowährungen seien ebenfalls betroffen. Beträgt der Wert des Vermögens diesen Mindestbetrag, so wird 1/40 davon als Zekat gezahlt. Herr Mustafovski bezeichnet die Zekat als eine Art Reichensteuer. „Es ist eine Steuer, um den Besitz gerecht zu verteilen.“ Die Reichen sind bereit, den Besitz, den Gott ihnen gegeben hat, zu teilen, um die Armen vor Armut zu schützen.

Wer ist nun berechtigt, die Zekat zu erhalten? Die Antwort dazu findet man in der Sure Tewbe Vers 9:60. Dort werden acht Gruppen aufgezählt, denen die Zekat zusteht. Als erstes werden „Fukara“ (Plural für Fakir) und „Mesakin“ (Plural für Miskin) aufgezählt. Diese Begriffe übersetzt Mustafovski mit „die Armen“ und „die Bedürftigen“. Die Mehrheit der Gelehrten mache folgende Unterscheidung zwischen diesen Begriffen: Der Fakir bezeichnet jemanden, der nicht in der Lage ist, seinen täglichen Bedarf zu decken, während Miskin einen Bedürftigen bezeichnet, der ein Dach über dem Kopf hat, aber nichts ansparen kann.

Die dritte Gruppe sind diejenigen, die für die Verwaltung der Zekat verantwortlich sind bzw. waren. Beispielsweise wurden in der frühislamischen Zeit seitens der ersten Kalifen Verwalter eingesetzt. „Sie haben das Recht, eine Aufwandsentschädigung bzw. einen Lohn für ihre Arbeit zu erhalten“, führt Mustafovski aus.
Die vierte Gruppe wird als diejenigen, deren Herzen zu gewinnen ist, beschrieben. „Dies waren oft die nicht-muslimischen Herrscher großer Stämme, denen man Geschenke gab, um sie zum Islam einzuladen oder um Schaden von den Muslimen abzuwehren.“

Eine weitere Berechtigung zum Erhalt des Zekat bestand für die Befreiung von Sklaven. Schon zu Beginn betonte der Islam die Bedeutung der Freiheit für den Menschen. Denn nur wenn der Mensch frei ist, ist er Herr über sich selbst und kann frei entscheiden, ob er an einen Schöpfer glaubt oder nicht. So förderte und forderte der Islam die Glaubenden auf, Sklaven frei zu lassen.

Als nächstes werden diejenigen, die verschuldet sind, aufgezählt. Sie bilden die sechste Kategorie und gehören zu den Berechtigten. Schulden werden als eine Art der Sklaverei betrachtet, da man sich solange nicht frei fühlt, bis man seine Schulden beglichen hat.
Die siebte Gruppe wird im Vers benannt als diejenigen, die sich auf dem Weg Gottes befinden. Diese Gruppe könne sehr weit definiert werden. Förderung der religiösen Bildung fällt beispielsweise unter diese Kategorie.

Die achte Gruppe wird als „Kind des Weges“ bezeichnet. Das sind Reisende, die fern von ihrer Heimat gestrandet sind und Hilfe benötigen. Selbst wenn diese Menschen in ihrer Heimat wohlhabend sind, sind sie in dieser Situation Bedürftige und benötigen Hilfe.

Herr Mustafovski beendete seinen Vortrag mit der Erinnerung: In vielen Ländern, auch in islamisch geprägten Ländern, gibt es keine Institution, die Musliminnen und Muslime zur Zahlung der Zekat aufruft oder sie daran erinnert, wie es beispielsweise das Finanzamt tut. Deshalb ginge es letztlich darum, wie auch bei anderen Gottesdiensten, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen, bevor man zur Rechenschaft gezogen wird. Jeder sollte sich täglich und jährlich überprüfen und reflektieren.

Wir freuen uns auf einen regen Austausch mit Ihnen.

Veranstalter

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Referentin

Imam Samir Mustafovski
Herr Samir Mustafovski ist Imam der Roma-Gemeinde Salam e.V. in Berlin. Darüber hinaus ist er als Islamlehrer tätig. Außerdem ist er Buchautor und Übersetzer.

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