Endstation: „Tod?“ – Jenseitsvorstellung im Islam

Bericht zur Veranstaltung am 02.05.2019

Am 02.05.2019 fand die dritte Veranstaltung der für das Jahr 2019 geplanten Reihe „Islam kompakt – Muslime erzählen“ statt, in der dieses Jahr überwiegend die Glaubensgrundsätze des Islam erklärt werden sollen. Das Thema war die Jenseitsvorstellung im Islam. Die Veranstaltung fand im Forum Dialog in Berlin statt.

Der Referent Imam Kadir Sanci ist 1978 in München geboren. Sancı studierte Islamische und Jüdisch-Christliche Religionswissenschaften und Pädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Als Imam ist er Gründungs-, Präsidiums- und Stiftungsratsmitglied der Stiftung House of One. Zudem ist Kadir Sancı akademischer Mitarbeiter am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam. 

كُلُّ نَفْسٍ ذَائِقَةُ الْمَوْتِ   Jede Seele wird den Tod kosten“ so heißt es unter anderem in der Sura Āl ʿImrān im Vers 185. Auch kann man diesen Vers so verstehen, dass Jede Seele jeden Augenblick beim Kosten des Todes ist. Somit wird der Tod jeden Augenblick gekostet. Denn nach der arabischen Grammatik werden Sätze in Zwei geteilt, in Verbal- und Nominalsätze. Nominalsätze, die keine Verben beinhalten – wie es hier der Fall ist – haben keine zeitliche Begrenzung und sind immer gültig. Dadurch sei nach Imam Sancı zusammenzufassen, dass der Tod und das Leben im Gleichgewicht zueinander stehen und der Tod ständig von jeden einzelnen erfahren wird. Sei es in gesellschaftlichen Kreisen oder beim Vergehen der Natur, der Kontakt zum Tod besteht immer. 

Der Tod ist eine biologische Tatsache, die die Menschheit seit Anbeginn beschäftigt. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie die Frage, was danach passieren wird. Die erfahrungsbasierte Wissenschaft – also die Physik – gelangt an seine Grenzen, wenn die Bewegung außer Kraft tritt. Mit dem Tod eines Menschen bzw. nach der Verwesung des Körpers bleibt der modernen Naturwissenschaft kein Raum mehr für ihre Forschungen übrig. So wird es notwendig, seine Antworten in der Metaphysik zu suchen, führt Sancı weiterhin aus.

Nach kantscher Aussage ist Metaphysik „[…] eine Wissenschaft, die über die Grenzen der Natur hinausgehet.“ So haben sich Philosophen, Theologen und Gelehrte unterschiedlicher Religionen mit diesem Thema beschäftigt. Für Religionen ist die Frage nach dem Leben nach dem Tod eine zentrale Frage. Indem der Koran zu ein Drittel al-ḥašr, die Auferstehung, thematisiert, wird das Leben nach dem Tod neben der Einheit Gottes (at-tawḥīd), die Prophetie (an-nubuwwa) und die Gerechtigkeit (al-ʿadāla) und der Gottesdienst (al-ʿubūdiyya) zu einer essentiellen Frage.

Nach der von dem Gelehrten aš-Šāṭibī (gest. 1338) entwickelten Theorie der „Ziele der Scharia“ (hier „der islamische Weg“) (maqāṣid aš-šarʿiyya) sind die Hauptziele der islamischen Normenlehre, die fünf Grundrechte aller Menschen – darunter auch das menschliche Leben – zu schützen und zu erhalten. Der Mensch darf nicht über den Tod eines anderen oder des eigenen entscheiden. Nach islamischer Auffassung kann nur Gott über Leben und Tod bestimmen. Demzufolge wird ein Selbstmordattentat – auch wenn sie mit in Gottes Namen begründet wird – extrem fragwürdig und keinesfalls mit der Normenlehre vereinbar. Das Verbot, sich selbst zu töten, und die Warnung des Gesandten, dass durch Selbstmord dem Menschen das ewige Paradiesleben verwehrt wird, lehnen klar und deutlich das Nehmen des eigenen Lebens ab, so Sancı.

Die Aufgabe der Menschen ist somit nicht für Gott zu sterben, sondern für Gott zu leben. Auch wenn der Tod eine göttliche Bestimmung ist, ist das Ziel des menschlichen Daseins nicht der Tod, sondern das Leben. In der Sure az-Zāriyāt 51:56 heißt es: وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِ „Ich habe die Djinn (Dämonen) und die Menschen nur deswegen erschaffen, damit sie Mich anbeten bzw. Mir dienen.“ Sich der göttlichen Prüfung zu stellen und mit dem von Gott herbeigeführten Tod diese Zeit zu besiegeln ist die eigentliche Herausforderung. Die Frage, wann der Tod eintreten wird, wird in der klassischen islamischen Literatur klar formuliert: Wenn die Seele den Körper verlässt, stirbt der Mensch. Aber wie soll festgestellt werden, wann diese Trennung stattfindet? So heißt es in der Fiqh-Literatur: Verlust des Bewusstseins und Sinneswahrnehmungen, Ausfall der Atmung und des Herzschlages und die Reglosigkeit der Arme und der Augen seien erste Anzeichen für den Tod. Die Abkühlung, das Vertrocknen und die Blauverfärbung des Körpers und Anzeichen auf Verwesung seien weitere Merkmale für den Eintritt des Todes. Die moderne Medizin stellt den MuslimInnen auch in dieser Frage vor eine neue Herausforderung. Nach dem Beschluss der Islamic Fiqh Academy am 3. Juli 1986 wird der Mensch erst durch das Eintreten von Herz- und Atemstillstand oder durch einen Hirntod für Tod erklärt. In beiden Fällen muss eine Wiederbelebung bzw. eine Besserung des Zustandes von Ärzten ausgeschlossen werden.

Al-Ġazālī (gest. 1111) beschreibt den Tod als „eine Zustandsveränderung“ und sagt, „daß die Seele nach der Trennung vom Leibe bestehen bleibt“. Er geht auch auf die Schmerzen ein, die die Erinnerung an den Tod auslösen. Die Trennung von Familie und Kindern, von Bekannten, Verwandten und Freunden, von Hab und Gut seien Gründe für diese Schmerzen. Unmittelbar nach dem Tod befalle den Menschen die Sorge der Rechenschaft über seine Taten vor Gott. Dennoch wird die Erinnerung an den Tod in den islamischen Quellen gefördert. ´Alī ibn Ebī Ṭālib, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Muhammed (ﷺ – Friede und Segen seien mit ihm) und zugleich der vierte Kalif, sagte nach einer Überlieferung, dass das Erinnern an den Tod zu wohltätigen Handlungen führen würde. ´Umar ibn al-Ḫaṭṭāb, der zweite Kalif in der frühislamischen Zeit, hatte wohl die gleichen Vorstellungen, sodass er folgende Worte auf seinen Siegelring eingravieren ließ: Der Tod ist ein hinreichender Warner, oh ´Umar. Mit der Begründung, dass sie an den Tod erinnern und die Herzen erweichen, empfiehlt außerdem der Prophet () in den Hadithen, Friedhöfe zu besuchen. 

In der Sufi-Tradition wird der Tod sogar als wuṣla, die Vereinigung mit dem Geliebten, verstanden. 

Ferner fügt al-Ġazālī hinzu: „Nachdem er dann bestattet worden ist, kehrt seine Seele zu seinem Leib zurück […].“ Demzufolge werde es ein ewiges jenseitiges Leben für die Seele und dem wiedererschaffenen Leib geben. Al-Ġazālī bedient sich dem Koran und der Sunna, der Prophetentradition, und möchte dadurch unter Beweis stellen, dass die Seele auch nach dem Tod ewig weiter existieren wird. Sehr detailliert beschreibt er die einzelnen Akte, die dem Menschen nach dem Tod widerfahren werden. Von dem Posaunenstoß bis zur Beschreibung des Versammlungsplatzes und der dort Versammelten; von der Sorge um Rechenschaft abzulegen bis zur Beschreibung des Auferstehungstages; von der Waage der Gerechtigkeit bis zur Vergeltung von Unrecht; von der Beschreibung der ṣirāt-Brücke bis zur Fürsprache des Propheten; von der Beschreibung von Himmel und Hölle bis zur Begegnung mit seinem Herren und mit dem besonderen Hinweis auf die Barmherzigkeit Gottes lässt al-Ġazālī keine relevanten Details aus, die sich im Koran und in den Hadithsammlungen wiederfinden lassen.

Anschließend betrachtet Imam Sancı die Ausführungen von Said Nursi, ein Gelehrter des 20. Jahrhunderts, der sich ebenfalls – unter Rücksicht auf die Bedürfnisse der Muslime in der Moderne- der Frage nach der Auferstehung widmete. In fünf Stufen bezweckte Nursi die Seele (Nefs) des Lesers/der Leserin bzw. Zuhörers, seinen Verstand (ʿaql), sein Gewissen (wiǧdān), sein Herz (qalb) und seinen Geist (rūḥ) anzusprechen. Er zieht Vergleiche aus der Ordnung und Gerechtigkeit in der Natur und erklärt auf diesem Wege die Notwendigkeit der Auferstehung. Nursi weist auf das ständige Streben und die Wiederbelebung der Pflanzen im Frühling hin und erklärt die Auferstehung für möglich. In der Sure Yāsīn 36:77-79 heißt es: 

„Sah der Mensch denn nicht, dass wir ihn aus einem Tropfen erschaffen haben? Und schon ist er ein klarer Gegner! Ein Gleichnis prägte er für Uns, vergaß dabei doch, dass er geschaffen ist. Er sprach: „Wer kann die Gebeine lebendig machen, wenn sie schon zerfallen sind?“ Sprich: “Der macht sie lebendig, Der sie ein erstes Mal erschuf. Wissen hat Er von allem, was erschaffen ist.“

Für den, der bereits von Nichts erschaffen hat, werde in der Zukunft die Wiedererschaffung aus Gebeinen nicht schwer fallen. Außerdem geht Nursi auf den Nutzen der Auferstehung für das irdische Leben ein. So ist die Auferstehung für Kinder, die sich naive Fragen über den Tod stellen und dementsprechend Todesängste viel intensiver spüren können als Erwachsene, eine Möglichkeit, innere Ruhe durch den Gedanken der Auferstehung und Wiedervereinigung zu empfinden und damit umgehen zu können. Die Auferstehung ist für alte, sich dem Tod nährende Menschen eine Hoffnung, für Jugendliche wiederum ist sie eine Warnung, um ethisch-moralische Grenzen nicht zu überschreiten. Nursi erklärt den Nutzen der Auferstehung für die Familie in einer ewigen Vereinigung. Dieser Gedanke werde sicherlich der Familie ein glückliches Miteinander im Diesseits bescheren, so wäre sie daran bemüht, für ein ewiges Zusammensein zu investieren und nicht für etwas Vergängliches. 

Mit einem letzten Vers aus dem Koran beendet Sancı seinen Vortrag: Die Sure al-Ḥadj 22:5-7 unterstreiche nochmals die Aussage, dass die Auferweckung stattfinden wird, so heißt es:

„Ihr Menschen! Wenn ihr im Zweifel über die Auferweckung seid: Wir schufen euch aus Erde, sodann aus einem Samentropfen, sodann aus einem Klumpen, sodann aus einer Körpermasse, geformt und ungeformt, um euch Klarheit zu verschaffen. Wir lassen im Mutterleibe ruhen, was wir wollen, bis zu benannter Frist. Dann holen Wir euch hervor als Kinder, bis ihr eure Reife erreicht habt. Manch einer von euch wird abberufen, ein anderer kommt ins verächtliche Alter, damit er nichts mehr von dem weiß, was er zuvor gewusst. Du siehst die Erde in Erstarrung. Doch wenn wir Wasser auf sie niedergehen lassen, dann gerät sie in Bewegung, sie mehrt sich und lässt Pflanzen sprießen. So ist es – weil Gott die Wahrheit ist, weil Er die Toten wieder lebendig macht und weil Er die Macht zu allem hat. Und weil ‚die Stunde‘ kommen wird – an ihr besteht kein Zweifel – und Gott die auferstehen lässt, die in den Gräbern sind.“