Porträts der Liebe: Bediuzzaman Said Nursi

Am 10.09.2020 fand der vierte Vortragsabend in der Reihe „Islam kompakt – Muslime erzählen” erstmals in online-Format statt, in der dieses Jahr Porträts der Liebe vorgestellt werden – Persönlichkeiten, die die spirituelle Dimension des Islams geprägt haben. An diesem Abend ging es um Bediuzzaman Said Nursi.

Referentin Frau Hanife Tosun ist Vorsitzende des IKULT e.V. und stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Verband Engagierte Zivilgesellschaft in NRW, in dem sie die Dialogplattform koordiniert. Tosun ist langjährige Dialogengagierte und lässt sich dabei von den Werken von Said Nursi inspirieren.

Zu Beginn skizzierte sie anhand von relevanten Eigenschaften das Profil des „großen Denkers“. Hierunter fallen ihrer Meinung nach: Prinzipientreue, Hoffnung in trüben Zeiten, Innovation, Blick über den Rahmen/die Grenzen hinaus, kritisch sein, Prinzipien hinterfragen, Mut und nicht zuletzt Bescheidenheit.  Said Nursi habe diese Eigenschaften verinnerlicht und vorgelebt.

Tosun beantwortete anschließend eine fundamentale Frage, nämlich, warum es relevant ist, muslimische Gelehrte, von denen einige in dieser Reihe vorgestellt werden, zu kennen. Sie nannte hierfür drei Gründe: Für nicht-MuslimInnen sei es wichtig, weil sie dadurch die Gelegenheit bekommen, die MuslimInnen und die Bandbreite der Erscheinungsformen dieser zu verstehen. Die Erscheinungsbilder seien unter anderem von diesen großen Gelehrten abhängig, die ihre Mitmenschen geprägt haben. So trage das Kennenlernen dieser Persönlichkeiten dazu bei, die Gedankenwelt der MuslimInnen nachzuvollziehen.

Für MuslimInnen wiederum sei es wichtig, diese als Vorbilder zu sehen. Das Wort Vorbild könne einen negativen Beigeschmack haben, jedoch vertritt die Referentin die Meinung, dass wir in einer Zeit leben, in der es eine Streuung von Wertevorstellungen gibt, in der Werte-Priorisierung schwierig ist. Im Alltag eines modernen Menschen seien Motivationen, die altruistisch bedingt sind, selten präsent. Daher findet sie es wichtig, Personen kennenzulernen, die aus altruistisch oder religiös motivierten Gründen viel in ihrem Leben bewirkt haben, sich  Gedanken über diese zu machen und ihre Werke zu lesen. Denn auch die Religion sei ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und wie es aussieht bliebe sie es auch.

Ein weiterer Grund ist, dass neben den Quellen wie dem Koran und den Hadithen (Aussprüche des Propheten) es äußerst wichtig sei, die Auslegungsgeschichte des Korans zu kennen, in der auch verschiedene Deutungen zum Vorschein treten. Das Wissen um diese Geschichte bis in unsere heutige Zeit sei ausschlaggebend, um radikalen Lesarten keinen Zugang zu gewähren. Diese Lesarten beschränken sich auf eine einseitige Vorstellung der „Frühzeit des Islams“ .

Diese Persönlichkeiten und die Auslegungsgeschichte mit den Traditionen zu kennen, erweitere den eigenen Horizont und gebe Lösungsansätze, wie man mit den Herausforderungen der heutigen Zeit umgehen könne, indem man erfährt, wie die Gelehrten mit den Herausforderungen ihrer Zeit umgegangen sind. Sicherlich gebe es mehr Gründe dafür, merkte Tosun an dieser Stelle an und leitete ihren Vortrag in den nächsten Teil über.

Der alte Said

Said Nursi ist 1877 als ein Sohn einer kurdischen Familie im Osten des sich in der Krise befindenden Osmanischen Reiches (heute Osttürkei) geboren. In jungen Jahren hat er zahlreiche Medresen besucht und ist durch seinen Wissensdurst aufgefallen. Des Weiteren hat er sehr früh angefangen, die veralteten Inhalte, Pädagogik und Didaktik der Medresen zu kritisieren und vertrat die Meinung, dass diese eine Reform benötigen und dass die Ausbildung unnötig lange dauere. Er selbst hat innerhalb von drei Monaten die Standardwerke der islamischen Theologie durchstudiert und die anschließende Prüfung mit Erfolg bestanden. Dies war sehr außergewöhnlich, weshalb ihm der Ehrentitel „Bediuzzaman“ (Wunder des Zeitalters) verliehen wurde. Er hat sein Studium – sei es privat oder im Rahmen einer Medrese-Ausbildung – zuerst in Bitlis und später in Van fortgeführt, wo er neben religiösen Werken auch naturwissenschaftliche, philosophische und westliche Literatur studierte. In Van war er tätig als Berater für theologische Fragen, nahm sich gesellschaftlicher Konflikte an und suchte mit Erfolg nach Lösungen, weshalb er in der Umgebung immer bekannter wurde.

Zu seiner Kritik an den Medresen merkte Tosun an: Nursi vermisse im Lehrplan der Medresen die naturwissenschaftlichen und philosophischen Werke, darunter auch Werke aus der westlichen Welt. Dieses Konzept sah er nicht mehr als zeitgemäß an. Die Rückständigkeit der Gesellschaft könne nicht mit diesem Bildungskonzept gelöst werden.

Tosun skizzierte weiter die Persönlichkeit Nursis anhand von Aussagen Nursis. Eine davon spiegele seine unerschöpfliche Hoffnung wider: „Wie können Sie davon ausgehen, dass der Winter ewig dauern wird? Auf jeden Winter folgt ein Frühling und auf jede Nacht eine Morgendämmerung.“. In einem anderen Zitat werde deutlich, dass er sich neben der Bildung auch mit anderen gesellschaftlichen Problemen auseinandergesetzt hat: „Wir haben drei Feinde. Es sind Unwissenheit, Armut und Uneinigkeit. Diesen drei Feinden werden wir mit Wissenschaft, Qualifizierung und Einigkeit entgegentreten.“.

So führte er viele Gespräche mit zahlreichen Gelehrten und Personen über die  Probleme, die ihn beschäftigten. Letzten Endes brach er 1907 mit einem Universitätskonzept für den Osten der Türkei, in der neben religiösen Werken auch naturwissenschaftliche Werke studiert werden sollten, nach Istanbul auf, um dem Sultan diese Idee vorzutragen. Nursi konnte den Sultan nicht wie gewünscht erreichen und überzeugen. Tosun merkte allerdings an, dass es eine Zeit der Umbrüche und Unruhen gewesen ist, weshalb andere Themen mehr Gewichtung hatten.

Nursi reiste durch das Osmanische Reich, überwiegend im Osten Anatoliens, und hielt zahlreiche Reden (1911). Diese sind später unter den Titeln „Muhakemat“ und „Münazarat“ veröffentlich worden. Seine Kernidee war, dass eine verfassungsorientierte Ordnung eine Lösung für diese Unruhen darstellen könnte. Dadurch nimmt er eine andere Stellung ein als viele andere Personen, vor allem auch religiöse Personen. Diese hatten die Sorge, dass sie ihre Religion nicht mehr ausüben werden können. Nursi vertrat jedoch die Meinung, dass ein Verfassungssystem kompatibel mit dem Islam sei, und brachte dies in seinen Reden auch zur Sprache. Tosun unterstrich, dass dieser Einsatz Nursis in der damaligen, stark polarisierten Gesellschaft wichtig gewesen sei. Eine weitere nennenswerte Predigt Nursis sei die „Damaskus-Predigt“, die er vor tausend Leuten gehalten hat (1911). Darin analysierte er die „Krankheiten der Gesellschaft“ und fasste sie in sechs Punkten zusammen.

Nachdem ein neuer Sultan ernannt wurde, machte sich Nursi im selben Jahr ein zweites Mal auf den Weg nach Istanbul, um sein Universitätskonzept vorzustellen. Tatsächlich fand er Gehör und seine Idee wurde finanziell unterstützt. Jedoch brach der Erste Weltkrieg aus, weshalb dieses Projekt nicht durchgeführt werden konnte. Er zog als Kommandeur eines freiwilligen Heeres im Osten an die Front. Bei jeder Gelegenheit schrieb er an seinen Werken weiter, sodass in dieser Zeit eine Koranexegese entstanden ist. Nach dem Krieg war er zwei Jahre in russischer Gefangenschaft, bis er über eine lange Strecke – unter anderem über Berlin und Wien – nach Istanbul fliehen konnte. In dieser Zeit habe er eine tiefgreifende, persönliche Veränderung durchlebt, die er selbst als eine spirituelle Erwachung beschrieb.

Der neue Said

Said Nursi unterteilte seine Biografie in drei Abschnitte. In der Zeit bis zu dieser spirituellen Erwachung bezeichnete er sich als den „alten Said“, in der er auf gesellschaftlicher Ebene aktiv war, und ab diesem Zeitpunkt als den „neuen Said“, in der er sich überlegte, wie er dem Individuum nützlich sein kann. In den letzten zehn Jahren seines Lebens hingegen bezeichnete er sich als den „Dritten Said“.

Nach dem Ersten Weltkrieg und nach seiner Flucht folgte eine Zeit, in der er, obwohl er in Van zurückgezogen leben wollte, an verschiedenste Orte in die Verbannung geschickt wurde. Es begann damit, dass er für Unruhen verantwortlich gemacht wurde, obwohl schnell feststand, dass er keine Verbindung zu ihnen hatte. Nursi hatte die Zeit genutzt, um seine Werke zu verfassen und bei Gelegenheit mit seinen Schülern über diese zu sprechen. In dieser Phase entstand sein Werk „Risale-i Nur“, also die vier Bücher „Worte“ (Sözler), „Briefe“ (Mektubat), „Reflexionen“ (Lem‘alar) und „Lichtstrahle“ (Şualar). Es sind Werke, in denen Glaubensgrundsätze auf eine neue Art und Weise vermittelt werden als zuvor üblich und bekannt war. Nursi bemühte sich, sowohl das Herz als auch den Verstand anzusprechen. Sein Ziel war unter anderem, den Menschen vom nachahmenden Glauben zum bewussten Glauben zu führen, so Tosun.

Für Nursi bestehe der Weg der Religion zu 99% aus der Ethik, dem Gebet, der Jenseitsvorstellung und der Tugendhaftigkeit. Das unterscheide ihn von seinen Zeitgenossen. Denn die meisten muslimischen Persönlichkeiten hätten Themen behandelt, in denen es um politische Lösungen für die Probleme und Fragen der MuslimInnen ging. Sie befürworteten eine islamische Nation und viele vertraten die Meinung, mit der Einbettung des Islams in ein politisches System könne der Islam in der neuen Welt an Bedeutung gewinnen. Nursi jedoch vertrat die Meinung, dass der Islam weder einen Staat noch ein politisches System zum Überleben braucht, sondern dass der Fokus auf den Glauben und die Glaubensgrundsätze gelegt werden müsse. Und das reiche, um in der Moderne den Glauben zu bewahren.

Die dritte Phase umfasst seine letzten zehn Lebensjahre – die 50er Jahre. Nursi hatte sich in gewissem Maße wieder der Gesellschaft zugewandt. Die politische Situation war inzwischen gelockert und milder. In dieser Phase befasste er sich mit dem Dialog mit den christlichen Kirchen. Er fand es wichtig, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenkommen und sich über die Gemeinsamkeiten austauschen.

Sechs Prinzipien des Weges der Machtlosigkeit

Nursi formulierte sechs wichtige Prinzipien seines Weges. Er nannte ihn den „Weg der Machtlosigkeit“ (original: tarîk-i acz-i mendî). Dabei sind folgende Prinzipien Begleiter derjenigen, die sich auf diesem Weg befinden:

Fakr-ı mutlak: Der Mensch soll sich seine absolute Armut in Anbetracht des Reichtums Gottes bewusst werden

Acz-i mutlak: Der Mensch soll sich seiner Machtlosigkeit in Anbetracht der Allmacht Gottes bewusst sein

Şükr-ü mutlak: Der Mensch soll eine absolute Dankbarkeit gegenüber Gott empfinden

Şevk-i mutlak: Der Mensch soll stets in absoluter Begeisterung, Motivation und Sehnsucht agieren.

Şefkat: Der Mensch soll allem und jedem mit Barmherzigkeit entgegnen.

Tefekkür: Der Mensch soll Kontemplation betreiben, also über religiöse und auch gesellschaftliche Themen nachdenken.

Anhand dieser Begriffe und Konzepte könne man Nursis Gedanken zusammenfassen. Jeder, der seine Ideen verstehen oder seinen Weg gehen möchte, könne dies über diese sechs Prinzipien machen.

Die abschließende Fragerunde bot die Gelegenheit, den Aspekt der Barmherzigkeit und Liebe zu vertiefen. Auf die Frage, ob Nursi die Eigenschaft, barmherzig zu sein, als eine weibliche Eigenschaft verstehe, antwortete Tosun, dass Nursi einerseits schon die Ansicht vertrete, dass Frauen durch ihre besondere Bindung zu ihren Kindern beispielsweise einen leichteren Zugang zur Barmherzigkeit hätten. Dadurch aber, dass er dies zu einem Grundprinzip seines Weges machte, betrachtete er dies als eine universelle Eigenschaft, die für jeden erstrebenswert sei.

Eine andere Frage handelte davon, wie Nursi das Verhältnis zwischen Individualismus und Kollektivismus bzw. das Leben in Zurückgezogenheit und in Gemeinschaft sieht. Nursi habe zahlreiche Gedanken darüber, wie ein gesellschaftliches Leben funktionieren kann. So vergleiche er diese mit einem Körper und die Menschen mit verschiedenen Organen, die zusammenwirken, damit ein Ganzes entsteht. In diesem Sinne betrachte er das gesellschaftliche Engagement als eine wichtige Aufgabe.

Auf der anderen Seite müsse der Mensch sich mit sich selbst bzw. seinen eigenen Gedanken befassen, damit dieses Miteinander funktioniere. Die Organe funktionieren auf ihre Art und Weise und nicht gleichartig. So sei es wichtig, dass jedes Individuum eigenständig denkt, sich individuell entfaltet und auf diese Weise in der Gesellschaft wirkt.

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