Porträts der Liebe: Mewlana Djelaleddin Rumi

Am 06.11.2020 fand der letzte Vortragsabend der Reihe zum Thema Porträts der Liebe mit Frau Dr. Hamideh Mohagheghi statt, an dem sie über Mewlānā Djelāleddīn Rūmī referierte.

Referentin an diesem Abend war Frau Dr. Hamideh Mohagheghi. Dr. Mohagheghi hat in Teheran Rechtswissenschaften und in Hannover Rechts- und Religionswissenschaften studiert. Sie ist die Mitbegründerin des islamischen Frauennetzwerkes Huda. Auch ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn.

 

Mewlānā Djelāleddīn Rūmī und der Zugang in die islamische Mystik

„Die stärkste Waffe des Islam ist die Liebe“ (vgl. Rizwi, 20.02.2017) – mit diesem Zitat aus der Überschrift eines Gastbeitrages der Zeit online führte Dr. Mohagheghi ihren Vortrag ein. Ein Titel, welcher selten auftauche, wenn es um Islam geht. Ein Beitrag, in dem angemerkt wird, dass Sufismus der Gegenpol zum islamistischen Extremismus ist. Jedoch sollte dies nicht so verstanden werden, dass nur die Mystik oder nur der Sufismus in der Lage wären, den Islam zu befrieden. Vielmehr stecke das Friedenspotenzial in der Religion selbst, die herausgearbeitet werden müsse. 

Wer war Rumi?

„Er war kein Prophet und doch hat er ein Buch“ (pers. Dichter Djāmi). Mit dem Buch ist hier das sufische Lehrgedicht Masnawī gemeint. Das Meisterwerk Masnawī beinhaltet tiefsinnige theologische und mystische Verse, so Dr. Mohagheghi, weshalb es auch von einigen TheologInnen als ein Kommentar zum Koran gelesen wurde bzw. wird. 

Djelāleddīn Rūmī wurde im Jahre 1207 in Balch – am nördlichen Rande des heutigen Afghanistan, damals Iran – geboren. Der Beginn des 13. Jh. war die Zeit der Überfälle der Mongolen und der politischen Unruhen, auf die auch Rūmī in seinen Gedichten eingeht. Er war ein persischer Mystiker und einer der bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters. Von seinen späteren Anhängern wird er als „Mewlānā“ (dt. unser Meister) benannt. Sein Vater Bahā՚-ad-Dīn Walad war ein angesehener Theologe und sein Großvater ein bekannter Gelehrter. Die islamische Mystik war als hartes Asketentum in Ost-Persien, im heutigen Afghanistan, aufgetreten. Bekannte MystikerInnen, unter anderem Rābiʿa von Basra (gest. 801), drangen immer tiefer in das Geheimnis der göttlichen Einheit ein und entwickelten Methoden der Seelenerziehung und dachten über das Geheimnis der Liebe zwischen Gott und Mensch nach.  

Als junger Mann vollzog Rūmī die Pilgerfahrt mit seiner Familie und anschließend lebte und studierte er einige Zeit in Damaskus und Aleppo. In den 20er Jahren des 13. Jh. erreichte die Familie Zentralanatolien, genannt Rūm, woher sein Beiname Rūmī kommt. Auch war er als Balchī bekannt, was auf seinen Geburtsort zurückgeht. Die Reise der Familie fuhr in Karaman fort und endete anschließend in Konya. Rūmīs Mutter starb in Karaman, wo ihr Grab heute noch besichtigt werden kann. Die damalige seldschukische Regierung in Konya schätzte die Wissenschaften und Philosophien und bot Rūmī einen Lehrstuhl an der damaligen Universität (Madrasa) an. Dr. Mohagheghi merkte an, dass Rūmī lehrte und Gedichte schrieb, die nicht nur theologischer, philosophischer und mystischer Natur waren, sondern auch gesellschaftlich-politische Themen beinhalteten. 

Rūmī führte ein asketisches Leben, das aus ausgedehnten Perioden des Fastens und Betens bestand. Sein Rechtsgutachten war für viele wichtig und deshalb sehr gefragt. Rūmī bezeichnete seinen Todestag als die große Hochzeit, weil er an diesem Tag mit Gott vereint werden würde. 

Innere und äußere Einflüsse in Rūmīs leben

Dr. Mohagheghi gab an, dass Rūmī in einer Gelehrtenfamilie aufwuchs und somit prädestiniert war, sich für islamische Themen und Studien zu interessieren. Darüber hinaus hatte er die Gabe, das Gelernte zu vertiefen und in Lyrik umzuwandeln. Dem traditionellen Verständnis und den religiösen Praktiken folgte er respektvoll und hielt sich an sie, jedoch fand er für die Gotteserfahrung diese Praktiken nicht ausreichend. Gotteserfahrung war für ihn eine persönliche und individuelle Erfahrung, die von außen nicht vorgeschrieben, beurteilt oder schon gar nicht verurteilt werden könne. Auch spiele das Gebet eine zentrale Rolle in den Gedichten von Rūmī. Er verstehe das Gebet als eine göttliche Gnadengabe. Ihm zufolge kann der Mensch sich nicht von sich aus Gott nähern, sondern wird durch die Gnade Gottes ermächtigt, die Annäherung zu erfahren. So beschrieb er die Nähe zu Gott folgendermaßen: „Wir wenden uns ja immer nur zu Dir, Du bist mir näher als ich selber mir. Du schenkest und lehrtest dies Gebet, wie wächst sonst aus Staub ein Rosenbeet.“. Dr. Mohagheghi merkte an, dass Rūmī bei dieser Darstellung der Nähe sich auf den Koranvers Qaf (50:16) bezog. 

Sie ergänzte, dass die äußerlichen Formen des Gebetes eine tiefe Bedeutung für Rūmī haben und er daran erinnert, dass beim Gebet diese tiefe Bedeutung in Erinnerung zu rufen ist, anstatt zu zählen, ob man richtig oder falsch steht, sitzt oder richtig betet. So warnt er davor, während der akribischen Einhaltung der äußerlichen Formen den eigentlichen Sinn bzw. die tiefe Bedeutung des Gebetes zu verlieren.

Dr. Mohagheghi fuhr mit dem folgenden Brief Rūmīs fort: „Der faqīh, der Rechtsgelehrte, kennt die Form des Gebets, sein Anfang ist takbīr [groß ist nur Gott] und sein Ende der Gruß. Aber der faqīr, der mystische Arme, kennt die Seele des Ritualgebets.” Das ist das Gebet, von dem Imam Ali (Schwiegersohn des Propheten) folglich sprach: „Wenn der Betende wüsste, was ihm an Barmherzigkeit und Liebe zukommt, würde er seine Stirn niemals aus der Niederwerfung heben.“

Die tiefe Bedeutung der zweimaligen Niederwerfung im Gebet nach Rūmī

Des Weiteren ging die Referentin darauf ein, welche Bedeutung Rūmī der Niederwerfung beimisst. Sie erklärte, dass bei der ersten Niederwerfung der Mensch daran erinnert werde, aus Staub entstanden zu sein; bei der zweiten Niederwerfung, dass der Mensch sterben und wieder zu Staube werden wird. Und in dem der Kopf ein weiteres Mal gehoben wird, werde der Mensch an den Tag denken, an dem er wieder für ein zukünftiges Leben auferstehen wird. 

Liebe als die einzige positive Kraft

Ferner fügt die Rednerin hinzu, dass für viele MystikerInnen vor und nach Rūmī die irdische Liebe, auch metaphorische Liebe genannt, eine Vorstufe für die himmlische und wirkliche Liebe ist. 

Rūmī über andere Religionen und seine Selbstzuschreibung 

Auch räumt Dr. Mohagheghi in ihrem Vortrag die Haltung Rūmīs gegenüber den anderen Religionen ein. So erzählte sie, dass Rūmī Respekt und Anerkennung gegenüber anderen Religionen zeigte und zugleich fest im eigenen Glauben war und der Koran der Schlüssel zu seinem Glauben war. 

„Was soll ich tun o ihr Muslime, denn ich kenne mich selber nicht. Weder Christ noch bin ich Jude und auch Pars und Moslem nicht. Nicht von Osten nicht von Westen, nicht vom Festland nicht vom Meer. Nicht stämmig vom Schoß der Erde und nicht stämmig vom Himmelslicht. Nicht aus Staube, nicht aus Wasser, nicht aus Feuer nicht aus Wind. Nicht vom Throne nicht von der Gosse und auch von Seiend und Werden nicht. Nicht von Diesseits nicht von Jenseits, nicht von Erden nicht von der Hölle. Nicht von Adam nicht von Eva, auch von Engeln stamm ich nicht. Mein Raum ist raumlos. Mein Zeichen, die Zeichenlosigkeit, ist weder Körper noch Seele. Ich bin nur ein Teil von Seinem Licht. Die Zweiheit habe ich verworfen. Ich sah in beiden Welten Eines. Einen such ich, Einen ruf ich, Einen kenn ich, Einen nenn ich. Wenn in meinem Leben nun ein Hauch ohne Dich vergeht, ab diesem Tag und dieser Stunde für dieses Leben schäm ich mich.“

Wer Gott als Geliebten und Liebenden zugleich sieht, ziehe die Menschen an sich. Auch der Sünder solle sich nicht verlassen fühlen. Denn seine Schwachheit kennt Gott. 

„Komm, komm wer du auch bist. Wenn du auch Götzendiener oder Feueranbeter bist. Komm wieder, dies ist die Tür der Hoffnung und nicht der Hoffnungslosigkeit. Auch wenn du tausendmal dein Versprechen gebrochen hast. Komm, komm wieder.“ 

Fazit

Abschließend fasste Dr. Mohagheghi die wesentlichen Punkte zusammen und resultierte, dass in Mewlānās Lehre Gottes Gnade und Liebe keine Grenzen hat. Seine Werke seien ständiges umkreisen des Geheimnisses von Gott, dem Geliebten und der Liebe. Außerdem fügte sie hinzu, dass er versuchte, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, während ihm bewusst war, dass Worte nie die Kraft haben, das je auszudrücken. Deshalb nahm er Tanz und Musik zur Hilfe, während die islamische Orthodoxie über lange Abhandlungen darüber diskutierte, ob Musik und Tanz erlaubt sind. 

Das Ziel von Mewlānās Lebensweg, so Dr. Mohagheghi, war mit Gott eins zu werden. „Und denke so inständig Gottes bis selber du dich ganz vergisst. Dass du im gerufenen aufgehst, wo Rufer und Ruf nicht mehr ist.“

Zum Abschluss merkte Dr. Mohagheghi an, dass das Verständnis von Rūmī vom Islam aktuell sehr bedeutsam ist, weil er den Islam als Juwel bezeichnet, sofern er richtig interpretiert wird. Ferner sprach sie an, dass vielleicht dieses Islamverständnis sogar den Wahnsinn stoppen könne, den die Extremisten in der Welt betreiben. Und, dass die Lehre von Rūmī uns dabei helfen könne – gleich welchen Glauben man hat – den Pfad der Liebe zu beschreiten. Nach Rūmī könne allein dieser Pfad den Menschen von Gier, Neid und Selbstsucht und weiteren niederen Neigungen befreien und ihn in die Dimensionen der wahren Menschlichkeit zurückbringen. Der Mensch, der als ein Teil dieses harmonischen Ganzen geschaffen ist, könne die Harmonie mit sich selbst und dem Universum dann erreichen, wenn er lernt, Gott zu lieben. Durch diese Liebe werde er befähigt, Gottes Schöpfung, die Mitmenschen und alles, was existiert, zu lieben. 

In der Fragerunde unterstrich Dr. Mohagheghi u. a., dass jeder Mensch individuell ist und dass jedes Individuum Gott auf eine andere Weise erfährt. Außerdem bekamen die Zuhörenden die Gelegenheit, ein Gedicht Rūmīs in der originalen Sprache – Persisch – zu hören: Die Referentin trug auf Nachfrage ein Gedicht über das Pilgern vor.

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