Porträts der Liebe: al-Ghazali

Am Abend des 25. Februar 2020 referierte Osman Örs im Rahmen unserer Reihe  “Islam kompakt – Muslime erzählen”, in der dieses Jahr Porträts der Liebe vorgestellt werden, zu Abu Hamid al-Ghazālī (1056–1111), einem der einflussreichsten islamischen Mystiker.

Osman Örs beschäftigte sich im Rahmen seines islamwissenschaftlichen Studiums mit den Schriften von al-Ghazālī, dessen Wirken und Lebenswerk ihn stets beeindruckten. Nicht nur auf seine Magisterarbeit wirkten Einflüsse von al-Ghazālī ein, auch in seiner Lebens- und Glaubenswelt nahm der Sufismus, den al-Ghazālī stark geprägt hat, einen festen Platz ein. Das humanistische und tolerante Menschenbild, das er insbesondere durch den Sufismus gewonnen habe, präge heute insbesondere seine theologische, spirituelle und dialogoffene Arbeit und sein zivilgesellschaftliches Engagement. Osman Örs arbeitet als Theologischer Referent und Imam bei der Stiftung House of One und ist Mitglied des Koordinierungskreises des Berliner Forum der Religionen.

Bekannt als Philosoph, Theologe, Jurist und Mystiker des sunnitischen Islams genießen das Wirken und die Werke al-Ghazālīs bis heute sowohl im Orient als auch im Okzident hohes Ansehen. Seine einzigartige Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie und sein Werk „Destructio philosophorum – die Widerlegung der Philosophen“ gilt für Frank Griffel als „Meisterwerk der philosophischen Literatur“. Mit seinem Intellekt, seiner tiefen Spiritualität und seinem Versuch, Vernunft und Glauben miteinander zu versöhnen, forderte er nicht nur das geistige Erbe des Islams heraus, sondern bekam dabei sowohl den Ehrentitel des Erneuerers (Mudjaddid) des 12. Jahrhunderts als auch den einzigartigen Beinamen „Beweis des Islam“ (Hudjat al-Islam). Sein Magnum Opus und Meisterwerk „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ gilt bis heute als eines der bedeutendsten Werke der islamischen Mystik und Ethik und wird in weiten Kreisen der islamischen Gelehrsamkeit studiert.

Geschichtlicher Abriss 

Zunächst gab Örs einen geschichtlichen Überblick über das Leben und Wirken von Ebū Hamīd ibn Muhammed al-Ghazālī at-Tūsi asch-Schāfī, kurz al-Ghazālī. Er wurde im Jahr 1056 zu Tus in Chorasan geboren, das zum heutigen Nordosten Irans gehört.  Aus armen Verhältnissen kommend fand er zusammen mit seinem Bruder Ahmed früh gesellschaftlichen Halt bei einem Sufi-Gelehrten. Sein Vater hatte die beiden Söhne ihm anvertraut und somit war dies die erste Berührung mit dem Sufismus, den al-Ghazālī in seinem späteren Leben zunächst vernachlässigen und letzten Endes doch auf diesen Pfad wieder zurückkehren sollte. 

Schon in seiner frühen Kindheit und Ausbildung brillierte er mit außerordentlichem Intellekt, Gelehrsamkeit und Fleiß und genoss sodann eine klassische Ausbildung bei wichtigen Gelehrten seiner Zeit. Zu nennen ist in diesem Kontext seine erste wichtige Station in Nischapur bei dem berühmten al-Dschuwaini (1028-1085), welcher der einflussreichste Gelehrte in jenem Raum zu jener Zeit gewesen war. Dschuwainis Wissen über das islamische Denken, den Sufismus, die Theologie und weitere Disziplinen beeinflusste al-Ghazālī so sehr, dass er über sieben Jahre bis zum Tode seines Lehrers nicht von seiner Seite wich. In den islamischen Wissenschaften und insbesondere in der islamischen Rechtswissenschaft (und darüber hinaus) war al-Ghazālī schließlich so bewandt, dass er sich – auf der Suche nach Erkenntnis und neuen Herausforderungen – an den Hof des damaligen Seldschukenwesirs Nizam al-Mulk (1018-1092) in Bagdad begab. 

Die traditionellen Rechtsschulen des Islams hatten sich in den Jahrhunderten zuvor bereits herausgebildet. Das sunnitische sowie schiitische Dogma (auch wenn man von mehreren als nur von einem sprechen kann) hatte sich herauskristallisiert und gelegt. Man war angekommen inmitten der sogenannten islamischen Blütezeit, die von HistorikerInnen sowie IslamwissenschaftlerInnen häufig als die islamische Renaissance bezeichnet wird. Die Übersetzungsarbeiten der antiken philosophischen Schriften der Griechen waren bereits abgeschlossen und die Frucht der Philosophie hatte in der islamischen Welt Größen wie al-Farabi (870-950) und Ibn Sina (Avicenna, 980-1037) hervorgebracht. Das islamische Reich jener Zeit reichte im Westen bis zum heutigen Spanien und bis nach Zentralasien im Osten. Es war in sich religiös-politisch nicht geschlossen, es herrschte vielmehr eine Vielfalt des Islams, d.h. unterschiedliche religiöse Konnotationen wie Rechtsschulen sowie politische Gesinnungen hatten sich geografisch unterschiedlich verlagert und etabliert. Damit war der Kalif, der seinen Sitz in Bagdad hatte, eher von symbolischer Bedeutung. 

Die als zentrale Macht im Raum vom heutigen Irak und Iran herrschende, schiitisch-iranisch geprägte Buyiden-Dynastie (934-1062) wurde im 11. Jahrhundert von den Seldschuken abgelöst, die mit ihrem Kommen und dem gleichzeitigen Wirken al-Ghazālīs eine neue Zeit des sunnitischen Islams einläuteten (1055-1258). Ein weiteres Machtzentrum war das damalige Ägypten, in dem sich noch die Fatimiden-Dynastie (909–1171) bewährte und sich der ismailitisch-schiitischen Doktrin zugehörig fühlte.

Trotz diesem diversen Konglomerat an Machtzentren und geo-politischen Verortungen war Bagdad (u.a. auch wegen des Sitzes des Kalifen) im 11. Jahrhundert kulturelles, wirtschaftliches und wissenschaftliches Zentrum sowie die womöglich größte Stadt der Welt zur damaligen Zeit. Die politische sowie religiöse Gemengelage ließ die Stadt stets mit geistigem und kulturellem Leben pulsieren. So machte es sie zu einem Raum des lebhaften Austausches und einem Schmelztiegel von Kultur sowie der Glaubens- und Gedankenwelten seiner Zeit. 

al-Ghazālīs Werdegang und die innere Krise

War al-Ghazālī in seiner Zeit in Chorasan schon den sozio-politischen wie religiös-philosophischen Diskussionen zwischen den verschiedenen Denk- und Rechtsschulen sowie Philosophen ausgesetzt, war er nun in Bagdad in einem Schmelztiegel all dieser Diskurse. Redegewandt wie er war und ausgestattet mit einer exzellenten Fähigkeit zu disputieren sowie einem Ruf, der seinem Namen vorauseilte, nahm al-Ghazālī im Alter von 34 Jahren und nach persönlicher Bekanntschaft des damaligen seldschukischen Herrschers Nizam al-Mulk an der dortigen Nizamiya (Hochschule) seine Lehrtätigkeit auf. Dies sollte ihn auf eine der größten Prüfungen seines Lebens vorbereiten, denn al-Ghazālī sollte hier „die Spitze seiner erfolgreichen Karriere genießen und [zugleich] den tiefsten Boden des seelischen Zusammenbruchs erleben“, zitierte Örs aus dem Buch von Raid al-Daghistanis. Denn so spannend es für einen wissbegierigen Menschen wie ihn gewesen sein muss, so herausfordernd muss es auch für einen jeden gewesen sein, sich mit dieser Gemengelage von extrem unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen sowie politischen Interessen, die sich an einem Ort und Raum konzentriert haben, auseinanderzusetzen. 

In den vier Jahren seiner Lehrtätigkeit lehrte er in erster Linie zu islamischem Recht und Theologie und befasste sich darüber hinaus in seiner Freizeit autodidaktisch mit der Philosophie. Er verfasste während dieser Jahre circa 17 Bücher, in denen er sich sowohl mit „den Absichten der Philosophen“ als auch mit ihrer „Inkohärenz“ (lat. Destructio phliosophorum) genauso befasste, wie mit den Ismailiten, die er als Batiniyya-Sekte ansah, zu denen er eine Streitschrift schrieb.

Er selbst sah – wie in seinem autobiografischen Werk „Der Erretter aus dem Irrtum“ geschildert – seine Krise darin begründet, dass er auf der Suche nach Gewissheit und dem Kriterium der Wahrheit in ein Loch des religiösen Zweifels gefallen war und ständig sein eigenes Tun und Wirken hinterfragte, führte Örs aus. Letzten Endes habe er für sich erkannt, dass er seine Lehrtätigkeit eher für weltlichen Ruhm anstatt für Gottes Zufriedenheit und die Erkenntnis nach Wahrheit vollzog. Diese innere Einsicht und die damit verbundene Zerrissenheit sowie Unruhe mündeten in eine innere Krise: eine Krankheit, die seelischer Natur war, und ihn daran hinderte, weiter zu lehren. Markant sei das Ereignis, welches er selbst in seiner Autobiografie schildert: Als er eines Tages in der Hochschule lehren möchte, versagte seine Zunge und er war des Sprechens nicht mehr mächtig. 

Seinen einzigen Weg der Heilung sieht al-Ghazālī darin, sich von allem, was ihm lieb und teuer ist, zu entfernen. So entscheidet er sich in dieser Krise, alleine die Pilgerreise anzutreten. Er verabschiedet sich von seiner Familie und beendet damit seine Lehrtätigkeit. Eine Pilgerreise zu damaliger Zeit bedeutete, sich einer Karawane anzuschließen und für längere Zeit fort zu sein. Aber dass sie acht bis zehn Jahre seines Lebens einnehmen würden – damit hatte wohl niemand gerechnet, merkte Örs an. 

Tatsächlich scheint die Pilgerreise aber nur ein Vorwand gewesen zu sein ergänzt der Referent, denn die eigentliche Reise war von mehreren Stationen geprägt und war eine Reise ins Innere auf der Suche nach sich selbst, nach Gewissheit im Glauben und der Erkenntnis Gottes. Er war auf der Suche nach einem unschätzbaren Schatz der Erkenntnis, um seiner aufgewühlten und mit sich selbst unzufriedenen Seele endlich Ruhe und Frieden zu schenken. Nichts an Weltlichem, wie Rang, Wissen oder Materiellem, das er alles schon gekostet hatte, hatte seinen wahren Durst stillen können.

Drei Werke und das Wirken von al-Ghazālī 

Al-Ghazālī hinterließ in seinem relativ kurzen Leben von ca. 53 Jahren eine umfangreiche Sammlung an Werken. Er schrieb Werke zu: islamische Jurisprudenz, Theologie, Sufismus und Ethik, Philosophie und Logik u.a. 

Um al-Ghazālīs Wirken und Lehre näher kennenzulernen, stellte Örs in Kürze drei besonders markante Werke von al-Ghazālī vor, die bis heute großes Ansehen genießen bzw. rezipiert werden:

      1. „Der Erretter aus dem Irrtum“ (Al-Munqidh min ad-Dalal): Dies ist sein autobiografisches Werk, in dem er seine eigene innere Befreiung aus der Krise schildert und aufzeigt, wie er für sich letzen Endes im Sufismus die Lösung seiner Probleme gefunden hat, nachdem er die Wege der scholastischen Dogmatiker (Mutakallimun), der Verehrer eines verborgenen Imams als alleiniger Lehrautorität (Batiniyya) und der Philosophen geprüft hatte.
      1. „Die Inkohärenz der Philosophen” (Tahafut al-Falasifa): Sie gilt als eine der meist rezipierten Werke al-Ghazālīs und als wichtigstes Werk zum Thema Philosophie, der er sich auch in anderen Werken widmete. Das Werk wurde ebenso von europäischen Philosophen und Theologen aufgegriffen und ins Latein übersetzt. In Latein heißt es „Destructio philosophorum – die Widerlegung der Philosophen“ und gilt für Frank Griffel als „Meisterwerk der philosophischen Literatur“. Hierbei lehnt al-Ghazālī nicht die Philosophie per se ab, sondern ermahnt Denker wie Avicenna, mit der Philosophie nicht so weit zu gehen, dass man dadurch Gott als eine Art unpersönliche Schöpfungsmaschine deuten solle. Der berühmte Averroes (Ibn Ruschd) greift ein Jahrhundert später, die Philosophen in Schutz nehmend, al-Ghazālīs Werk kritisch auf und schreibt „Die Inkohärenz der Inkohärenz“.
      1. „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ (Ihya al-Ulum ad-Din) gilt als das sogenannte Opus Magnum und bedeutendste Werk al-Ghazālīs, welches er in seinem letzten Lebensabschnitt nach langen Jahren der Abstinenz und Reflektion niederschrieb. Mit diesem Werk schafft es al-Ghazālī, die Orthodoxie und den Sufismus zu versöhnen und als einen wesentlichen Bestandteil der islamischen Lehre zu etablieren. Es gilt als eines der einflussreichsten Werke der islamischen Ethik und das Lob des berühmten Hadith-Gelehrten an-Nawawi verdeutlicht dies mit folgenden Worten: „Wären alle islamischen Bücher außer dem Ihya verloren, würde es genügen, um alle anderen zu ersetzen.“.

Neben den äußeren Elementen der Religion, die die Gottesdienste (Gebet, Fasten usw.), zwischenmenschliche Beziehungen und Sitten umfassen, ist sein Hauptanliegen in diesem Werk, auf den Grund der menschlichen Seele zu gehen und die Wichtigkeit der inneren Dimension der Religion hervorzuheben. Dies ist für al-Ghazālī nur möglich durch das Reinigen des Herzens von allen bösen Charaktereigenschaften, wie Zorn, Geiz, Neid, Hochmut und Eitelkeit usw. sowie durch das Schmücken des Herzens mit guten Charaktereigenschaften, wie Geduld, Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung, Gottvertrauen usw. Diesen zur Errettung und zur Glückseligkeit der Seele des Menschen führenden Weg schildert er ausführlich und für ihn findet sich diese Erfüllung nur auf dem Pfad des Sufismus. Nur durch diesen eine innere Disziplin fordernden Weg lernt der Mensch sich sowie seine Mitmenschen und die Schöpfung aufrichtig zu lieben. Gekrönt wird diese Liebe mit der Erkenntnis Gottes, die durch die Befreiung des Herzens von den zu tadelnden Eigenschaften Erfüllung findet.

In deutscher Sprache finden sich nur ausgewählte Teile des Ihya in übersetzter Form vor. Das Ihya ist mit einem Umfang von 40 Büchern bzw. Abschnitten ein umfangreiches Werk, das al-Ghazālī in vier Hauptabschnitte untergliedert, in denen sich jeweils weitere 10 Abschnitte befinden. Die vier Hauptabschnitte sind: 1) Die gottesdienstlichen Handlungen (al-ʿiIbādāt), 2) Die Sitten und unterschiedlichen Lebensverhältnisse (al-ʿādāt), 3) Die zur Vernichtung führenden Dinge (al-Mahlūkāt) und 4) Die zum Heil führenden Dinge (al-Mundjiyāt). 

Nach diesen Ausführungen endete der Vortrag und es wurde in die Diskussionsrunde übergegangen. Dabei wurden die Themen wie der Auslöser für die Lebenskrise al-Ghazālīs, während er mitten in einer erfolgreichen Karriere war, erläutert und die Zweigleisigkeit al-Ghazālīs, auf die Örs im Vortrag eingegangen ist, vertieft. In der Beantwortung dieser Fragen stellte Örs unter anderem das Konzept des ihsan („mit dem Bewusstsein zu Leben, dass Gott einen ständig sieht“, Aufrichtigkeit) vor, das für al-Ghazālī sehr wichtig gewesen ist. Damit verbunden habe al-Ghazālī der unlebendige, oberflächliche Ritualismus gestört und die Dimension des Herzens gefehlt, was unter anderem zu der genannten Lebenskrise geführt habe. Durch die Beschäftigung mit der inneren Dimension der Gottesdienerschaft, dem Konzept des ihsans und allgemein dem Sufismus habe er aus diesem Tiefpunkt seines Lebens wieder herausgefunden.