Gottesdienst, Schuld und Vergebung

Verehrte Gläubige,

Der Mensch wird geboren ähnlich einer Tabula Rasa – einem unbeschriebenen Blatt. Unbeladen von jeglicher Schuld bis zu dem Moment, in dem er oder sie das Rechte vom Unrechten unterscheiden kann. Dann beginnt, begleitet von den beiden ehrenwerten Schreibern – Kiraaman Katibin -, die Verantwortung gegenüber Gott, seinen Mitmenschen und der Schöpfung.

Ab diesem Moment, der von Mensch zu Mensch individuell beginnt, ist der Mensch verantwortlich Gott gegenüber für seine Handlungen und seinen Gottesdienst, denn dies ist einer der Gründe für die Erschaffung des Menschen, wie Er im edlen Koran sagt. (Koran 51:56)

Der Begriff Gottesdienst – `ibada – trägt jedoch verschiedene Dimensionen mit sich. Denn Gottesdienst allein sind nicht nur die Gebote, die wir einzuhalten haben, wie das fünf mal tägliche Gebet, das Fasten im Ramadan usw., sondern auch der Dienst am Menschen und der Dienst an der Schöpfung gilt als Gottesdienst. „Der beste unter euch ist der/diejenige, der/die dem Menschen am nützlichsten ist“, spricht unser erhabener Prophet, Friede sei mit ihm.

Dies bedeutet aber sicher nicht, dass die rituellen Gottesdienste  nicht bedeutsam seien oder dass man sie einfach belässt! Ganz sicher nicht, vielmehr kann man von einer Notwendigkeit des Gottesdienstes sprechen, denn sei es das Gebet, das Fasten oder die anderen Gebote… alle sind eigentlich für den Menschen selbst gemacht und empfohlen. Das Wesen des Menschen bedarf dieser Gottesdienste, denn er besteht nicht nur aus Fleisch und Blut. Seine Seele bedarf der spirituellen Nahrung die es aus diesen Gottesdiensten schöpft. Das Herz, der Verstand und die Sinne bedürfen des Abstand Nehmens von den diesseitigen Beschäftigungen und es bedarf dem Moment der Ruhe und Besinnung, die mit dem Gottesdienst einher gehen. Durch das Verrichten des Gebetes, richtet der Mensch sich selbst und seine Seele auf, schenkt ihr Gehör und richtet sein Herz aus zu Gott.

Mit dem islamischen Gruß wünschen wir unserem Mitmenschen Frieden. Und es ist eine innere Ruhe, ein innerer Frieden, der einkehrt mit dem Gottesdienst. Gleichzeitig ist damit aber auch verbunden das zwischenmenschliche Band, was gestärkt wird durch unseren Gottesdienst. Wie zum Beispiel unser heutiges gemeinschaftliches Freitagsgebet: es stärkt unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Oder aber der Fastenmonat Ramadan, der vor der Tür steht: er lässt uns die Bedarfe der Armen und Bedürftigen dieser Welt noch intensiver spüren als sonst und baut Brücken der Solidarität und Unterstützung. All die verdeutlicht uns die Weisheit hinter dem Gottesdienst.

Verehrte Muslim,

Ein Mensch, der eine gewisse Reife erreicht hat und all dies jedoch vernachlässigt , also seinen Dienst an Gott, an seine Mitmenschen und seinen Dienst an der Schöpfung, der lädt Schuld auf sich. Schuld gegenüber Gott, Schuld gegenüber seinen Mitmenschen und der Schöpfung.

Schuld sollte jedoch nie zur Hoffnungslosigkeit führen. Unser Prophet erinnert uns auch daran, dass alle Menschen mit Fehlern und Schuld behaftet seien und sagt, dass der beste Fehler behaftete Mensch jedoch der sei, der Reue – Tawba – zeige.

Reue ist eines der wichtigsten theologischen Konzepte im Islam und beginnt mit dem Moment der inneren Abkehr von seiner Schuld. Und sie wird nochmals bestärkt, in dem man diese Schuld nie mehr begeht.

Ein Tor, dass den Menschen und Gläubigen stets offen steht, und eng verbunden ist mit dem Konzept der Reue, ist das Tor der Vergebung. Der/die Vergebung Suchende wendet sich direkt an Gott und bittet Ihn um Vergebung. Und an Sein vergebendes  Wesen erinnert Er uns, indem Er sich uns zu erkennen gibt durch Seine erhabenen Namen und Eigenschaften. Und diese damit verbundenen Tugenden gilt es ebenso für den Menschen eigen zu machen

Er ist al-Tawwab: Der die Reue Seiner Diener Annehmende, wie es in einem Vers heißt:

„Daraufhin empfing Adam von seinem Herrn Worte, worauf Er ihm verzieh; wahrlich, Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige. (37)

فَتَلَقَّىٰٓ ءَادَمُ مِن رَّبِّهِۦ كَلِمَـٰتٍ۬ فَتَابَ عَلَيۡهِ‌ۚ إِنَّهُ ۥ هُوَ ٱلتَّوَّابُ ٱلرَّحِيمُ (٣٧)

Das bedeutet, dass Er stets darauf wartet, dass sich seine Diener ihm mit Reue zuwenden.

Und Gott ist al-Ghafur: der immer wieder Verzeihende, wie es in der Sure Ali Imran (3:31) heißt: „Sprich: ´Wenn ihr Allah liebt, so folgt mir. Lieben wird euch Allah und euch eure Sünden vergeben; denn Allah ist Allvergebend, Barmherzig.`“

قُلۡ إِن كُنتُمۡ تُحِبُّونَ ٱللَّهَ فَٱتَّبِعُونِى يُحۡبِبۡكُمُ ٱللَّهُ وَيَغۡفِرۡ لَكُمۡ ذُنُوبَكُمۡ‌ۗ وَٱللَّهُ غَفُورٌ۬ رَّحِيمٌ۬ (٣١)

Gleichzeitig erinnert Er uns hier daran, dass Seine Liebe und Gnade u.a. erreicht werden kann durch das Vorbild des Propheten, Friede sei mit ihm.  Er hat mit seinem Charakter auf die beste Weise die tugendhaften Eigenschaften verkörpert und er gilt uns Gläubigen als bestes Vorbild. Eine Befolgung seines Weges und seiner Sunna ist Mittel zur Liebe Allahs.

[Hadith:]

In einem Ausspruch des Propheten, Friede sei mit ihm, heißt es – den Menschen Hoffnung verheißend:

„Gott der Erhabene hat gesagt: ‚O Sohn Adams, solange du Mach anflehst und Mich bittest, vergebe ich Dir, was von dir ist und beachte es nicht.

O Sohn Adams, wenn auch deine Missetaten und Vergehen bis zu den Wolken des Himmels reichten, und du Mich um Vergebung bittest, so vergebe Ich dir.

O Sohn Adams, wenn du Mir Sünden brächtest, nahezu gleich der gesamten Erde, und du Mir nichts beigesellst, würde Ich dir gewiß nahezu gleichermaßen Vergebung entgegen bringen.’“

Und diesem Ausspruch gesellt sich ein wunderbarer Vers bei, der wohl als der am meisten Hoffnung spendende Vers im Koran bezeichnet werden kann. So verheißt Gott: „Sprich: „O meine Diener, die ihr euch gegen eure eigenen Seelen vergangen habt, verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit; denn Allah vergibt alle Sünden; Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.“ (Zumar 39:53)

Damit verbunden ist ebenso eine weitere Eigenschaft Gottes: Er ist Settar al-`Uyub – der Bedecker unserer Fehler und Tadel und möchte seine Diener nicht beschämen, sofern sie – dies betont Er hier – ihn alleine  anflehen und um Hilfe bitten. Seine Tür der Barmherzigkeit ist es, an die wir zu klopfen haben und um Vergebung bitten. Sie steht uns bis ans Lebensende offen und selbst darüber hinaus.

Verehrte Gläubige,

der Mensch ist vergesslich, ab einem bestimmten Reifealter schuldfähig und mit Fehlern behaftet. Dies liegt in seiner Natur und seinem Wesen. So weist der Prophet in einem anderen Ausspruch darauf hin, denn „Alle Menschen begehen Fehler. …“ . Jedoch  setzt er seine Rede fort und zeigt einen Ausweg aus diesem Dilemma: „Der beste unter den denjenigen ist jedoch der, der von seinen Fehlern abkehrt und sie bereut.“

Wir sollten also nie verzweifeln, selbst wenn unsere Sünden und Fehltritte bis in den Himmel reichen. Zum einen ist Gottes Gnade und Vergebung größer als alles andere und zum anderen steht Sein Tor der Reue dem Menschen stets und bis zum letzten Atemzug offen.

Dies soll uns aber gleichzeitig nicht davon abhalten, uns auch an Seine Strafe zu erinnern, die er mit der Hölle erschaffen hat. Nur darf unsere Angst niemals unsere Liebe und Hoffnung Ihm gegenüber überwiegen! Der Koran erinnert uns am Anfang von 113 Suren nicht an Seine strafenden Namen, sondern er beginnt stets mit Seinen erhabenen Namen ar-Rahman und Rahim – der Allgnädige und Allbarmherzige! Dies sollte uns ein Wegweiser der Hoffnung und ein Wegweiser für unseren eigene Charakter sein.

[Abschlußgebet]

In diesem Sinne,

mögen auch wir wahrhaftig unserer menschlichen Fehltritte bewusst sein, sie bereuen und uns Ihm aufrichtig zuwenden. Und möge Er, der Erhabene, uns mit Seiner Barmherzigkeit entgegnen. Möge der Moment unserer Reue, der Moment unserer Vergebung sein. Amin.

Allahumma innaka afuwwun kariimun , tuhibbul afwa fa’fuanna! Wa’ghfir lana war-hamna , innaka anta at-Tawwabur-Rahim.

O Gott, du bisst gewiss ein edelmütiger Vergeber, und liebst die Vergebung. So vergib uns! Erbarme uns Deiner , Du bist wahrlich der Vergebende und Barmherzige!