Kurban-Erzählung anders gedacht

Eine jüdisch-islamische Betrachtung auf Abraham und das Akedah/Kurban-Ereignis

Jeder Text beinhaltet eine Kernbotschaft. Damit diese Botschaft entnommen werden kann, ist es erforderlich, den gesamten Text in Betracht zu ziehen. Auch hilft der Perspektivwechsel beim Erfassen der richtigen Botschaft, denn vieles steht auch zwischen den Zeilen geschrieben. So beschreibt Ben Bag Bag in der Mischna die Tora folglich: „Wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr enthalten.“ Eben diese Behauptung kann auf alle heiligen Schriften projiziert werden.

So wird zunächst das Licht auf die Akedah-Erzählung/Kurban-Erzählung gerichtet und des Weiteren wird die Botschaft dieser Erzählung hervorgehoben.

Akedah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Bindung“. Die Bindung Abrahams zu Gott ist in allen drei abrahamitischen Religionen präsent. Bereits ihre Bezeichnung „abrahamitisch“ unterstreicht die Wichtigkeit des Propheten Abrahams. Er war ein Prophet, der durch eigene Anstrengung zu Gott gefunden hat und ist bekannt für sein Gottvertrauen. Nach der islamischen Tradition wurde er sogar mit der Bezeichnung „Freund Gottes“ (Ḥalīlullāh) geehrt. Abraham wurde – wie alle anderen Propheten auch – auf die Probe gestellt, die er mit Bravur gemeistert hat.

Womöglich war seine schwierigste Prüfung mit dem Ereignis, welches nicht stattgefunden hat, nämlich die Opferung seines Sohnes. Um dieses Ereignis geht es nämlich in der Akedah/Kurban-Erzählung.

Die Akedah-Erzählung

Diese Erzählung ist allen drei monotheistischen Religionen bekannt. Auch wenn gewisse Unterschiede in ihr enthalten sind, ist die Kernbotschaft dieselbe, nämlich Leben zu erhalten und sich Gott zu nähern.

Einst bekam Abraham den Auftrag von Gott seinen Sohn zu opfern (Vgl. Koranvers 37:102). Während es in der jüdischen Version um den jüngeren Sohn, Isaak, geht, verweist die koranische Erzählung auf den älteren Sohn, Ismael. Nach der jüdischen Rezeption macht sich Abraham mit Isaak auf dem Weg in das Land Morija, um den Auftrag durchzuführen. Wohingegen die koranische Erzählung darüber berichtet, dass Abraham seinem Sohn die Situation zunächst schildert und anschließend ihn nach seiner Meinung fragt. Daraufhin antwortet Ismael mit demselben Vertrauen seines Vaters und willigt ein.

Ob es nun Isaak oder Ismael war, mit dem Abraham unterwegs war, ist für das Entnehmen der Botschaft irrelevant. Deshalb wird an dieser Stelle nicht näher auf die Argumentation eingegangen, welcher der Brüder tatsächlich gemeint war, sondern mit „Gott weiß es am besten!“ (Allāhu aՙ lam) ein Punkt gesetzt. Diesen Schlusssatz haben auch islamische Gelehrten bei der Auslegung und Kommentierung des Korans benutzt, um die Interpretationshoheit letztendlich Gott zu überlassen.

Botschaft

Wie bereits oben erwähnt, ist die Kernbotschaft dieser Erzählung, das Leben des Menschen zu erhalten. Deshalb erfahren wir im weiteren Verlauf des Textes, dass das Ereignis, einen Sohn zu opfern, durch Gott verhindert wurde. Gott hatte von Anfang an die Absicht, dieses Ereignis nicht geschehen zu lassen und Leben zu erhalten. Mit diesem Geschehen sollte nämlich verdeutlicht werden, dass Gott keinen Gefallen daran hat, wenn Menschen „im Namen Gottes“ Menschenopfer begehen. So sandte Der Ewige in beiden Erzählungen einen Widder zu Abraham, damit er diesen statt seinen Sohn opferte.

„Er sprach: Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten. Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen.“

Gen 22, 11-12

vgl. auch :

“Und Wir lösten ihn durch ein Opfer von großem Wert aus.”

Koranvers, 37:107

Nach der Überlieferung von Ibn ՙAbbās, soll dieses Widder kein gewöhnliches gewesen sein. Es soll die Opfergabe Abels (Sohn Adams) sein, welches bis zu diesem Zeitpunkt bzw. für dieses Ereignis im Paradies aufgehoben wurde.

Abels Opfer wurde von Gott angenommen, weil es von Herzen kam und er etwas aus seinem wertvollen Besitz für Gott aufgegeben hatte. Genau diese Intention ist wichtig, um Gott näher kommen zu können.

Fazit

Dieses Ereignis wurde im islamischen Festkalender aufgenommen und seitdem feiern Muslim:innen das Kurbanfest, auch als Opfer-/Annährungsfest bekannt. An diesem Fest stehen zwei wichtige Aspekte im Vordergrund: Dankbarkeit gegenüber Gott, Nächstenliebe und Solidarität. Während die Dankbarkeit durch das Befolgen des Gebotes gezeigt wird, kommt die Nächstenliebe beim Teilen des Fleisches vom Opfertier zur Geltung. Die Solidarität unterstreicht zusätzlich den Zusammenhalt aller und schließt alle Menschen in ihrem Kreis mit ein.

Aus Liebe und Dankbarkeit zu Gott feiern die Muslim:innen jedes Jahr dieses Fest. Denn Liebe verlangt nicht, „die eigene Existenz für den Geliebten aufzugeben, sondern für Ihn und mit Ihm zu leben“.

  1. (in: Ursula Sieg, Feste der Religionen. Werkbuch für Schulen und Gemeinden, Düsseldorf 2003)
    https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2013/4-2013/abrahams-opfer-eine-annaeherung-aus-dem-gespraech-von-judentum-christentum-und-islam/

Standardbild
Kübra Dalkılıç
Islamische Theologin