Der Ramadan – Ein Wanderer durch die Monate des Sonnenkalenders

Das Fasten ist eine Form des Verzichts und eine Disziplin, die sich sowohl in allen abrahamitischen Traditionen als auch in anderen Religionen wiederfindet. Mit dem Verzicht suchen die Gläubigen das Band zwischen sich und ihrem Schöpfer zu stärken, sich auf die wesentlichen Dinge im Leben zu konzentrieren und ihren inneren Trieb zu bändigen. Ganz wesentlich dabei ist neben der geistigen Entfaltung des Menschen auch der Bezug zu seinen Mitmenschen. Der Fastenmonat Ramadan ist ein bedeutungsvolles Beispiel dafür, dass gelebte Religiosität sowohl den Geist des Individuums als auch unser gesellschaftliches Miteinander auf angenehme Art und Weise bereichern kann. Ausgedrückt wird diese Religiosität unter anderem durch das Fasten, den Verzicht auf materielle Dinge und die Fürsorge der Bedürftigen. Wie weit die Auswirkungen dieser gelebten Religiosität reichen und welche Möglichkeiten der Ramadan dabei bietet, soll in diesen Zeilen mit einigen Beispielen aus der muslimischen Gefühls- und Gedankenwelt reflektiert werden.

Ein gesegneter Zeitabschnitt

In unserem Kalender gibt es gesegnete Zeitabschnitte, die zum einen die Gnade Gottes gegenüber seinen Geschöpfen widerspiegeln und den Menschen in seiner Spiritualität aufs Neue erfüllen und zum anderen das soziale Leben der Menschen in besonderem Maß neu beleben und gestalten.

Der Ramadan ist für die Muslim:innen ein solcher gesegneter Zeitabschnitt, den sie jedes Jahr mit neuen wohlwollenden Absichten erwarten. Verbunden mit dieser Erwartung ist auch die intensive Hinwendung an die Worte Gottes, die in diesem gesegneten Monat in Form des Korans dem Propheten Muhammed (Frieden und Segen seien mit ihm) vom Erzengel Gabriel überbracht wurden. So widmen sich die Gläubigen in dieser Zeit des Fastens noch intensiver als sonst dem Koran und dem Gebet.

Der Ramadan ist ein Wanderer durch die Monate des Sonnenkalenders (jedes Jahr um ungefähr 11 Tage) und ist einer der beiden alljährlichen spirituellen und gesellschaftlichen Höhepunkte im Leben der Muslim:innen in aller Welt.

Im Koran wird den Gläubigen, die ein bestimmtes Reifealter erreicht haben, vorgeschrieben, diesen Monat fastend zu verbringen, sofern sie nicht krank sind oder sich auf Reisen befinden. Von der Morgendämmerung (d.h. dem morgendlichen Übergang von der Dunkelheit der Nacht zur Helligkeit) bis zum Sonnenuntergang verzichten sie auf Wasser und Nahrung und zügeln ihren Charakter, in dem sie sich von Fluch, Streit, Lüge oder Lästerei fernhalten.

Dies ist Muslim:innen generell untersagt, aber im Ramadan wertet dies zusätzlich den Wert des Fastens ab, und hindert die Gläubigen daran ihr Herz zu reinigen, ihren Charakter zu vervollkommnen und das Wohlwollen Gottes zu erlangen.

Der Prophet (F.s.m.i.) warnt die Fastenden deshalb und spricht:

„Jemand der fastet als auch Lüge spricht oder durch Lügerei Geschäfte macht, dessen Hunger und Durst wird Gott nicht wertschätzen.“

Woanders rät er:

„Wenn jemand Streit mit einem Fastenden sucht, so soll er [der Fastende] sprechen „Ich faste!“ und weggehen.“

Durch die Schule des Ramadans zu gehen, bedeutet also nicht einfach nur zu hungern und dursten und seinem Körper fühlbar etwas Gutes zu tun. Nein, das Hungern soll einem Fastenden insbesondere neue Tore des Geistes und der Spiritualität eröffnen. Dabei sollen die Gläubigen ihren Geist formen und Charakter veredeln. Sie sollen sich von schlechtem Benehmen fernhalten, Geduld und Güte zeigen, Mitleid und Empathie entwickeln, sich innerlich sensibilisieren und reflektieren. Man soll über sich, seine Stellung vor Gott und über seine Umwelt reflektieren, entschleunigen und wieder zu sich finden, in dieser so schnellen und hektischen Welt.

Daneben sollen die Fastenden aber auch den Wert der einfachen Dinge und Gaben im Leben zu schätzen lernen. Denn die Fastenden wissen nach langen Stunden des Enthaltens das eine Schlückchen Wasser besonders wertzuschätzen. Und sie wissen, wie gut und intensiv der erste Schluck Suppe oder der erste Biss ins Brot sein kann.

Ein Stück Heimat

Aber der Ramadan ist noch mehr. Er ist ein Stück Sehnsucht und Geborgenheit. Insbesondere für die in Deutschland seit langem beheimateten Muslim:innen, aber auch für die neu hinzugezogenen und geflüchteten Menschen, versprüht der Ramadan ein Gefühl der spirituellen Heimat. Er schafft für sie ein religiös-kulturelles Heimatgefühl, welches hier geglaubt, gelebt und geteilt werden kann. Und genauso wie in der ursprünglichen Heimat vieler Muslim:innen lebt und belebt der Ramadan auch hier unser gesellschaftliches Leben. Er fördert und intensiviert unser multikulturelles Miteinander, bringt Nachbar:innen, Freund:innen und Personen des öffentlichen Lebens an einen Tisch und sorgt für einen herzlichen Dialog. Dieser Dialog wiederum färbt und tränkt unsere so vielfältige und bunte Gesellschaft mit Akzeptanz und Nächstenliebe und lässt ein harmonisches und friedfertiges Zusammenleben gedeihen. Die Bänder zwischen Arm und Reich, Nachbar:innen, Freund:innen und Bekannten werden durch die tausenden Fastenbrechen-Abende, Veranstaltungen und persönlichen Einladungen zu sich nach Hause, gestärkt und gepflegt. Unsere Blicke richten sich zueinander, durchdringen unsere Ängste und Vorbehalte, Fremdheit löst sich auf und wir erblicken den Menschen vor uns. Freundschaften entstehen und die gegenseitige manchmal vorurteilsbehaftete Vorstellung voneinander löst sich auf in ein respektvolles, fürsorgliches und liebevolles Miteinander.

Heimat für die Bedürftigen

Daneben ist der Ramadan aber auch Heimat für die Hungernden, Heimatlosen und Leidenden dieser Welt. Dies gilt ebenso für die Millionen allein in Europa unter der Armutsgrenze lebenden Menschen, von denen fast ein Viertel nach einer EU-Statistik von
Armut bedroht seien.

Aber was macht eigentlich den Ramadan zu einer Heimat für diese Menschen? Nun, der Ramadan ist eine Zeit, ein Monat, der die Gläubigen in aller Welt zum Hungern und Dursten einlädt. Sie alle, ob reich oder arm, heimatlos oder beheimatet, sie alle finden sich ein zur selben Zeit und hungern und dursten gemeinsam. Gemeinsam gehören sie in dieser Zeit der Gruppe der Hungernden und Durstenden an. Und genau dieses aufblühende Gefühl der Solidarität bietet eine Chance, die von gesellschaftlicher Bedeutung ist.

Die Vergesslichkeit des Menschen wird abgelöst von seiner Verantwortlichkeit und somit sind der Ramadan und das Fasten ein Mittel, mit denen der ausschweifende und vergessliche Mensch wieder auf den Boden der Tatsachen geholt und erinnert wird. Das Fasten stärkt das Solidaritäts-Empfinden des Menschen und ruft ihn auf, zu handeln.

Dementsprechend sind die Fastenden nicht nur zum einfachen Hungern und Dursten aufgefordert. Sie sollen sich nicht nur von ihren zu vielen Kilos befreien. Nein, sie sollen ebenso in dieser gesegneten und die Herzen besänftigenden Zeit ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden und dieser nachkommen, indem sie den Armen und Bedürftigen dieser Welt ihre Hände reichen. Die läuternde Pflichtabgabe (Zakāt), einer der Grundpfeiler des Islam, und weitere freiwillige Spenden geben die Gläubigen insbesondere im Monat Ramadan ab. Zum einen erhoffen sie sich hierdurch die Zufriedenheit Gottes zu gewinnen und zum anderen halten sie durch diese Handlung die Würde des Menschen hoch.

Der Mensch braucht manchmal einen Ruck, damit er seine gefüllten Taschen oder seinen Kleiderschrank, von unnötigem Ballast befreit. Genau diese Rolle übernimmt der Monat Ramadan. Die Gläubigen, die vor der Morgendämmerung ihren letzten Schluck Wasser und Laib Brot zu sich nehmen, verzichten bis zum Sonnenuntergang geduldig auf diese Gaben, sie besinnen sich auf die einfachen Dinge des Lebens und gedenken den Bedürftigen dieser Welt. Durch ihren Lehrmeister, dem Ramadan, und dem hinzugewonnenen Mitgefühl fällt es ihnen leichter, sich von ihrem Ballast zu befreien und anderen Menschen durch Spende und Unterstützung wieder Leben einzuhauchen.

Insbesondere wir, denen es viel besser geht als dem Rest der Welt, sollen wachgerüttelt werden von unserem manchmal blinden Konsumhunger, unserer verschwenderischen Lebensweise und unserem tatenlosen Zuschauen. Wir sollen diejenigen gedenken, die sich kein sauberes Wasser und nahrhafte Nahrung für ihr Neugeborenes leisten können und die bedauerlicherweise alle sechs Sekunden ein Kind aufgrund von Hunger, Krankheit oder Mangelernährung dem Tod zum Opfer bringen müssen.

So muss erst recht in unserer heutigen hochtechnisierten und vernetzten Zeit und der globalen Gemeinschaft, in der wir alle unseren Platz haben, das Verständnis von Nachbarschaft nochmals reflektiert werden. Ebenso müssen wir uns unserer Verantwortung noch bewusster werden, denn große Entfernungen sind heutzutage klein geworden und ein unmoralisches Handeln in unserem eigenen Land kann verheerende ökonomische und soziale Probleme auf einem weit entfernten Kontinent unserer Erde nach sich ziehen.

Die barmherzige Hand des Ramadans

Schließlich ist leider auch dieser Ramadan noch immer nicht unberührt von Trauerspielen und Menschheits-Dramen auf unserer Weltbühne. In unserer jetzigen Zeit, wo so viele Menschen vor Krieg, Terror oder Hunger, fern der Heimat auf der Suche nach Zuflucht und Beistand sind, unter schwierigsten Bedingungen fliehen und alles aufgeben müssen – ihren Besitz, ihre Verwandtschaft oder ihre Geliebten – und manche sogar mit ihrem eigenen Leben dafür bezahlen; besonders in solchen Zeiten kommt der Güte und Zuwendung des Menschen noch größere Bedeutung zu. So streckt sich die barmherzige Hand des Ramadans über diese Menschen aus und schenkt Ihnen das Mitgefühl und die Unterstützung der Fastenden, millionenfach und überall auf der Welt. Insbesondere diesen Menschen fern ihrer Heimat und auf der Suche nach neuer Hoffnung und Schutz gedenken wir in dieser Zeit und hoffen, dass Krieg, Terror und Ungerechtigkeit bald ein Ende finden werden. In diesem Sinne wünsche ich, dass auch diese besinnliche Zeit des Fastens und der Einkehr zumindest einige Wunden in unserer Welt heilen und unserer Gesellschaft neues Leben einhauchen wird, so dass unsere Kinder – unsere Zukunft – ein harmonischeres Zusammenleben und friedlicheres Miteinander haben werden.

Standardbild
Osman Örs

Islamwissenschaftler / Theologischer Referent und Imam des House of One