Im Lichte der koranischen Offenbarung

Im Lichte der koranischen Offenbarung

Bericht zur Veranstaltung am 29.01.2019

 

Die Auftaktveranstaltung der für das Jahr 2019 geplanten Reihe „Islam kompakt – Muslime erzählen” fand am 29.01.2019 in den Räumlichkeiten des Forum Dialog statt.

Referiert hat Saleh Peter Spiewok, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Textwissenschaft und Normenlehre des Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) der Universität und Doktorand im Bereich der frühislamischen Hadith-Überlieferung ist. 

 

Unter dem Leitmotto, Grundsätze des islamischen Glaubens zu thematisieren, handelte Spiewoks Vortrag von den Herausforderungen beim Verständnis koranischer Offenbarung. Laut Spiewok entstehen sie dadurch, dass Theologen bei der Deutung der heiligen Schrift zwei Distanzen aufweisen, die sie zu überwinden haben. Die koranische Offenbarung ist eine Übersetzung der Offenbarung aus einer immateriellen, göttlichen Sphäre in eine materiell menschliche Sphäre. Einerseits müsse man sich dessen im Klaren sein. Andererseits bestehe die Herausforderung, den Offenbarungstext, der primär an die frühislamische Gemeinde gerichtet war, in die heutige Zeit zu übersetzen.

Diese Problematik der Übersetzung bzw. Deutung veranschaulichte Spiewok anhand eines Verses. Exemplarisch thematisierte er das Scheidungsrecht, zu dem es unterschiedliche Deutungen gebe. Einer dieser Deutungen wird ein Vorwurf entgegengebracht. Er beschäftigte sich mit dem Vorwurf, “warum im islamischen Scheidungsrecht Männer gegenüber Frauen bevorzugt” werden. Im traditionell-islamischen Recht herrscht die Meinung, dass der Mann das Vorrecht hat, die Scheidung auszusprechen, ohne eine Begründung liefern zu müssen. Die Frau hingegen hat auch die Möglichkeit aus der Ehe zu treten, jedoch sei dies an bestimmte Bedingungen geknüpft.

Ausgehend von dieser Frage würde ein muslimischer Apologet aussagen, so Spiewok, dass der Ehemann den Unterhalt bestreitet und aus diesem Grund das Vorrecht innehat. Gegen diese Argumentation hingegen sprechen die Lebensumstände, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert haben. Es bestehe keine traditionelle, patriarchalisch gesinnte Rollenverteilung mehr. Wie also könne man an einer Regelung festhalten, die vom Prinzip des Patriarchats genährt wird und die Etablierung von Geschlechtergerechtigkeit hemmt? 

Der muslimische Apologet würde erwidern, dass es für die damaligen Verhältnisse ein deutlicher Fortschritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit gewesen ist.

Es stelle sich nun die Frage, wie allgemeingültig und zeitgemäß der Koran ist. 

Die Diskussion zwischen beiden Seiten könnte wie folgt weitergehen:

– ”Doch, der Koran ist allgemeingültig und zeitgemäß, aber manche Verse können wir heute anders deuten.”

– ”Hier rieche ich Willkür, dann bete ich im Winter zum Beispiel nur noch dreimal am Tag. Wo setzen wir hier die Grenze? Was dürfen wir ändern und was nicht?”

– “Eben deshalb müssen wir unseren Gelehrten folgen”

– “Also gibt es keine Gleichberechtigung?”

Gedanken und Argumente wie diese versetzen in ein Dilemma der Offenbarungsmatrix. Es gehe um die Beziehung zwischen den Instanzen Gott, Mensch, Raum und Zeit. 

Auf der göttlichen Sphäre beschreibt Spiewok Gottes Wort als Idee. Diese Idee sei zeitlos und unmissverständlich – und somit verbindlich perfekt. Die Eschariten, eine der islamischen Glaubensschulen, bezeichnen Gottes Wort als eine Eigenschaft von Gott. So sei sie eng mit Gottes Wesen verbunden.

Auf der menschlichen Sphäre müssen unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden. Diese göttliche Idee wurde während der Offenbarung bzw. Herabsendung entsprechend der menschlichen Anlagen, der sozialen Kontexte wie z.B. Kulturen und Normensystemen uvm. in die Zeit der Erstempfänger übersetzt. Die dadurch entstandene Begrenztheit, Heterogenität und Wandelbarkeit müsse stets vor Augen gehalten werden. Gottes Wort werde bei der Übersetzung in die irdische bzw. menschliche Sphäre materiell, sei es in gesprochener oder schriftlicher Form. Beide Arten der Konservierung seien eine Materialisierung des Wortes Gottes.

Man könne von einer Zwischensphäre sprechen, die für diesen Übersetzungsprozess stehe. Im Rahmen dieser Transformation des Wortes Gottes müsse der Mensch deuten. Dadurch, dass Menschen diejenigen sind, die die Gottesworte lesen, verstehen und deuten, wird die Unmissverständlichkeit Reibungsverlusten ausgesetzt. Jede Deutung ist eine Form der Eingrenzung.

Bei dieser Deutung seien zwei Distanzen zu überwinden: zum einen die zeitliche und kulturelle Ferne zur Offenbarungszeit. Es herrscht eine gewisse Vorstellung über die Empfänger-Gemeinschaft und man übernehme bestimmte Bilder, die muslimische Historiker über den Propheten (ﷺ – Frieden und Segen seien mit ihm) gebildet haben. Zum anderen sei die Distanz zwischen der göttlichen und der menschlichen Ebene zu überwinden.

Um diese Distanzen meistern zu können, sei folgende Schlüsselfrage von großer Bedeutung: Was sind die Quellen, mit denen ich den Text auslege? Unterschiedliche Arten und Herangehensweisen der Textauslegung seien zu beachten. So sei bei der fundamentalistischen Art primär der Wortlaut wichtig. Das überlieferte Verständnis des Propheten sei nachzuahmen und das göttliche Recht forme den Lebensvollzug. 

Bei der traditionellen Art nehme man als Grundlage den Koran und die Sunna – das Ganze sei gefiltert und reflektiert. Sowohl dem Wortlaut, der Überlieferung als auch der Vernunft und dem Gemeinwohl werden Raum gegeben. Das von den göttlichen Quellen abgeleitete Recht steuere den Lebensvollzug. 

In liberalen Strömungen hingegen bilden Vernunft und Gemeinwohl die wesentliche Grundlage für das islamische Denken. Überlieferungswissen sei jederzeit hinterfragbar. Die von Gott und dem Propheten inspirierte Ethik erleichtere und bereichere den Lebensvollzug.

Abschließend plädierte Spiewok für ein etappenweise und aufeinander aufbauende Herangehensweise an Texte. Zunächst solle man versuchen den Text ohne das Einbringen von Vorwissen zu verstehen. Im zweiten Schritt seien implizite Botschaften herauszuarbeiten, die meist erst auf den zweiten Blick zu entziffern sind. Als nächstes komme der Vergleich mit dem muslimischen Erbe der Interpretation und schließlich die Neu-Interpretation und die Einbettung in gegenwärtige sozio-religiöse Bedürfnisse.