Das Verständnis der heiligen Bücher im Islam

Das Verständnis der heiligen Bücher im Islam

Bericht zur Veranstaltung am 05.09.2019

Unter dem Titel “Thora, Evangelium, Koran: Das Verständnis der heiligen Bücher im Islam” fand am 05.09.2019 im Forum Dialog die vierte Veranstaltung aus der Reihe “Islam kompakt – Muslime erzählen” statt, in der dieses Jahr überwiegend die Glaubensgrundsätze des Islams thematisiert wurden.

Die Referentin Rümeysa Bag studierte islamische Theologie in Istanbul und Osnabrück und befindet sich derzeit im Masterstudium der Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

In ihrem Vortrag fokussierte sich Bag auf den Aufbau und den Inhalt des Korans und nahm gleichzeitig Bezug auf die Begriffe ‘Offenbarung(sschrift)`, ´Thora` und ´Evangelium’. 

An zahlreichen Stellen im Koran und in vielen ḥadīṯen, also Aussprüchen des Propheten Muhammed (ﷺ – Friede und Segen seien mit ihm), werden die Gläubigen dazu aufgefordert, an das al-kitāb, welches der Prophet und die vorherigen Propheten empfingen, zu glauben. Was man aber unter dem koranischen Begriff al-kitāb verstehen solle, brachte Bag in ihrem Vortrag den Zuhörerinnen und Zuhörern näher.

Der Begriff leitet sich vom Verb “kataba” ab und bedeutet „etwas mit etwas verbinden“ und „festbinden“. Der bekannte Exeget und Sprachwissenschaftler aus dem 11. Jahrhundert Ragib al-Iṣfahānī sagte in seinem berühmten Werk Mufradat, al-kitāb bedeute sowohl die beschriebene Seite als auch das Geschriebene selbst.

Eine weitere Besonderheit des Begriffs ist, dass dieser an 261 Stellen im Koran vorkommt und mehr als zehn verschiedene Bedeutungen haben kann, die sich je nach Kontext und Verwendung unterscheiden. In ihrem Vortrag widmete sich Bag vier dieser Bedeutungen. So wird al-kitāb ungefähr 90 Mal als ‘Offenbarung’, ca. 70 Mal als ‘Koran’, mehr als 20 Mal als ‘Thora’ (arab. tawrāt), zwei Mal als ‘Evangelium’ (arab. inǧīl) verstanden.

Offenbarung

Nach Iṣfahānī bedeutet Offenbarung (arab.: al-waḥy) „ein Zeichen, welches schnell gegeben wird“. Dieses Zeichen könne durch ein Wort, eine Bewegung mit einem Körperteil oder durch eine Schrift vermittelt werden. Im Fachjargon beschreibt der Begriff die göttlichen Worte, die den Propheten übermittelt wurden.

Es wird zwischen drei Arten unterschieden, wie Gott seine Botschaft an die Menschen übermittelt: 

  1. Durch Eingebung – ohne einen Vermittler zwischen Gott und dem Propheten – wird die Botschaft in das Herz des Propheten als ein geheimes Zeichen gelegt. 
  2. Gott spricht hinter einem Vorhang zu seinem Gesandten. Vorhang sei hier als Metapher zu verstehen. 
  3. Durch einen Vermittler, in der Regel den Engel Gabriel, wird das Wort Gottes an den Propheten übermittelt. Diese Art von Offenbarung gilt als eine Rede und Botschaft an alle Menschen.

Und überwiegend durch diese dritte Vermittlungsart der Offenbarung seien die Offenbarungsschriften entstanden. In diesem Sinne sind in der islamischen Tradition die Rede von 100 sogenannte Seiten (arabisch: Ṣaīfe, Pl. Ṣuḥuf) und vier Büchern.

Gemäß eines ḥadīṯes erhielt Adam 10 Seiten, Schit (Set) 50 Seiten, Idris (Henoch) 30 Seiten und Abraham 10 Seiten. Die vier Offenbarungsbücher wurden folgenden Propheten herabgesandt: Offenbart wurde die Thora an Moses, der Psalter an David, das Evangelium an Jesus und der Koran an Muhammed (Gottes Segen seien mit all ihnen).

Koran

Der Koran ist die Offenbarungsschrift, die Muhammed (ﷺ) empfangen hat. Der Begriff lässt sich als “Lesung” oder “Vortrag” übersetzen. Eine klassische Definition des Korans lautet folgendermaßen:

„Der Koran ist ein Offenbarungswort auf Arabisch, welches von Gott durch den Engel Gabriel an den letzten Propheten Muḥammed, auf eine Weise, dessen Natur uns unbekannt ist, gesandt wurde; das in muṣḥaf niedergeschrieben wurde; das mutawātir [authentisch] überliefert wurde; dessen Rezitieren ein Gottesdienst ist; das mit der Sura al-Fātiḥa  beginnt und mit der Sura al-Nās endet; und niemand ist in der Lage, ein ihm gleiches Wort zu bringen.“

An dieser Stelle ging Bag näher auf den Aufbau und Entstehung des Korans ein und griff zwei elementare Begrifflichkeiten auf: Die Sure (arab. sūra, Pl. suwar) und der Vers (arab. āya, Pl. āyāt). Die sūra ist ein Begriff „für die in sich abgeschlossenen, größeren oder kleineren einzelnen Vortragstexte“, erklärt der Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin. Der Koran setzt sich aus 114 Suren zusammen. Diese unterscheiden sich in ihrer Länge, die jedoch nicht unbedingt mit der Anzahl der Verse zusammenhängt, da auch diese unterschiedlich lang sind. Die āya „ist die Bezeichnung der kleinsten vorzutragenden Texteinheit“ und wird im Deutschen als Vers bezeichnet. Die ursprüngliche Bedeutung ist „Zeichen“. Es gibt 6236 āyāt, wobei es unterschiedliche Zählmethoden gibt, wodurch sich letztlich die Gesamtzahl der Verse unterscheiden kann. Zudem sollte man wissen, dass die Reihenfolge der Verse und Suren nicht chronologisch ist.

In einem Zeitraum von 23 Jahren sind die Verse und Suren des Korans oftmals anlassbezogen und Stück für Stück herabgesandt worden. Damit verbunden sei die Kontextualisierung der Verse und Suren äußerst wichtig, um diese richtig zu verstehen, betonte Bag. Zudem werden Verse in mekkanische und medinensische Verse unterteilt. Mekkanische Verse sind die, die vor der Hidjra, also der Auswanderung nach Medina, offenbart wurden, und medinensische, die danach herabgesandt wurden. Des Weiteren unterteilt der Koran die Verse in muhkam und mutaschabih (Sure 3:7). Also in Verse, die ohne weiteres verständlich sind und Verse, die unbedingt ausgelegt werden müssen. Diese Auslegung erfolgt primär durch andere Verse oder durch ḥadīṯe. Die Auslegungen seien Subjekt in der Koranexegese.

Zur damaligen Zeit auf der arabischen Halbinsel wurde Wissen und Poesie in erster Linie mündlich vermittelt. So wurden auch zu Lebzeiten des Propheten die Verse des Korans primär mündlich, aber auch schriftlich festgehalten und überliefert. Gefährten Muhammeds (ﷺ), wie z.B. ʿAbdallāh ibn Masʿūd und Zaid ibn Ṯābit, wurden von ihm beauftragt, die Verse nach deren Offenbarung schriftlich festzuhalten. Der Prophet ordnete jeden Vers an seine Stelle in der jeweiligen Sure zu. Da der Offenbarungsprozess zu Lebzeiten des Propheten noch andauerte, war es nicht von Nöten, die ganzen Suren als ein Buch zusammenzutragen.

Die Bemühung eine Koranausgabe zu schaffen, begann bald nach dem Ableben des Propheten schon unter dem ersten Kalifen Abū Bakr (reg. 632-634) und unter seinem Nachfolger ʿUmar b. Al-Ḫaṭṭāb (reg. 634-644) wurde die erste Niederschrift durch ein Gremium mit Zaid ibn Ṯābit an seiner Spitze vervollständigt. Unter dem dritten Kalifen ʿUṯmān ibn ʿAffān (reg. 644-656) wurde die Niederschrift vervielfältigt.

Nach dieser historischen Einordnung ging die Referentin auf die inhaltlichen Aspekte des Korans ein. In jeder der 114 Suren werden mindestens eine der folgenden Themen behandelt: (1) Die Existenz und Einheit Gottes, (2) das Amt der Prophetenschaft, (3) das Leben nach dem Tod, (4) das Gottesdienst, und (5) die Verkündung der Grundlagen der Gerechtigkeit.

Schaut man sich die Verteilung der Themen auf die über 6000 Verse in Prozent an, erkenne man, dass mehr als 20% der Verse den Glauben, mehr als 30% das gesellschaftliche Leben behandeln und lediglich 1% das Verhalten bei militärischen Auseinandersetzungen thematisiert.

Wie man die Konzepte und Inhalte des Korans verstehen solle, veranschaulichte die Referentin am Beispiel des Weinverbots. Betrachtet man die Verse ohne Beachtung des Kontextes und Aneignung von Hintergrundwissen, scheinen sie widersprüchlich zu sein.

Allerdings muss der Koran in seiner Ganzheit betrachtet werden und der soziale und gesellschaftliche Kontext und der jeweilige Anlass zur Offenbarung bekannt sein, um die Verse annähernd richtig zu verstehen. Es gibt bezüglich des Weinkonsums vier Verse, die innerhalb von ca. vier Jahren herabgesandt wurden und Schritt für Schritt den Konsum eingeschränkt bzw. untersagt haben. Da der Konsum von Wein in der damaligen Gesellschaft sehr stark verbreitet und üblich war, wäre ein direkter Verbot durch einen Vers von der Gesellschaft stark abgelehnt worden.

Thora

Sprachwissenschaftler sind der Meinung, dass tawrāt nicht arabisch sei, sondern aus dem Hebräischen „torah“ in die arabische Sprache etabliert wurde. Sie ist die Offenbarungsschrift, die Moses erhielt. Nach jüdischer Tradition bedeutet tawrāt „Gesetz“, “Lehre”. Unter diesem Begriff sind die ersten fünf Bücher des Alten Testamentes zu verstehen, also Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium.

Der Koran bestätigt die Thora als Rechtleitung und Licht (El-Ahqāf 46:12; El-Māʾide 5:48; El-Baqara 2:40). Muslimische Theologen sehen die Thora als religiöse Quelle, soweit sie mit dem Koran nicht im Widerspruch steht.

Weiterhin heißt es im Koran, dass die Thora von Gott offenbart worden sei und dass gottergebene Gelehrte und Propheten gemäß den in ihr enthaltenen Regeln Recht gesprochen haben.

Evangelium

Der Begriff Inǧīl hat seinen Ursprung im Griechischen „euaggélion“ und bedeutet „gute Botschaft, frohe Botschaft“. Das Evangelium ist – so bezeichnen es die Evangelisten – die Heilsbotschaft, die Lehre des Jesus Christus, die von seinen Jüngern verbreitet wurde.

Im Koran kommt das Evangelium an 12 Stellen vor. Demnach wurde das Evangelium von Gott durch Offenbarung (Āl ʿImrān 3:3,65) an Jesus herabgesandt (El-Māʾide 5:46, Al-Ḥadīd 57:27); Jesus sagte, ein göttliches Buch empfangen zu haben (Maryam 19:30); ihm wurde neben dem Evangelium auch die Thora gelehrt (Āl ʿImrān 3:48, El-Māʾide 5:110). Außerdem werden die Christen auch als „Leute des Evangeliums“ bezeichnet.

Zusammenfassend schloss Bag ihren Vortrag mit den Worten ab, dass der Koran dem Wort al-kitab überwiegend eine theologische Bedeutung zuteilwerden lässt. In der Regel ist damit die gesamte göttliche Offenbarung gemeint, wobei einzelne Offenbarungsschriften auch namentlich genannt werden. Somit ist theologisch folgende wichtige Aussage verbunden: Der Glaube an jegliche göttliche Offenbarung also solche ist ein wichtiger Grundsatz im islamischen Glauben.