Predigt – Heiligkeit, Wachsamkeit & das Attentat von Pittsburg

von Osman Örs, 02.11.18

,Verehrte Gläubige

Die schönsten Namen gehören Gott, dem Allmächtigen. Und einer dieser Namen ist al-Quddus – der Heilige, der Reine, der frei ist von jeglichem Makel. So wie wir Menschen ihn preisen und heiligen auf unterschiedlichste Art, so preisen Ihn auch die Engel in schönster Art und Weise.

Subhanallah – ist unser täglich Formel, die wir auf unserer Zunge tragen und damit sprechen wir Ihn, den Erhabenen, frei von jeglichem Fehl, Mangel oder Tadel.

Betrachten wir die Begrifflichkeit des Heiligen näher.

Es gibt in unserer Tradition keine Instanz, die Menschen heilig sprechen kann, jedoch sehen wir weltweit überall verstreut Menschen, die als Heilige bzw. Als Awliyaullah – d.h. Gottes Freunde – erklärt werden. Diese aus der islamischen Volksfrömmigkeit erwählten Menschen genießen eine besondere Stellung und die Gläubigen erhoffen sich Fürsprache durch ihre reine Seele, indem sie ihrem Wirken gedenken und sie namentlich erwähnen, wenn sie sich demütig im Gebet Gott zuwenden.
Genau diese Reinheit ihrer Seele und ihres Charakters, das Abstand nehmen von den weltlichen Dingen und im Herzen sich ganz und gar Gott und seinem Dienst zu widmen, erhebt diese Menschen über die Sphären der Engel. Gott ist es, der ihre Brust weitet und ihr Herz rein hält. Ihr Wirken und ihr Dasein sind sowohl Medizin für ihre Mitmenschen als auch Heilung für die gesellschaftlichen Wunden. Ja vielleicht sind sie sogar „heilig“ weil sie Heilung in die Welt tragen. Es sind Herzen voller Leben, die anderen Leben einhauchen.

Menschen wie al-Ghazali, Maulana Dschalalad-Din Rumi oder Said Nursi trotzten den Hindernissen ihrer Zeit, sie bemühten sich das Band der Menschen mit Gott zu stärken, demonstrierten eine vorbildhafte innere Haltung und bemühten sich um gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein respektvolles und friedliches Miteinander. Die Wege, die sie bestritten und die Haltung, die sie zu Tage legten, sind auch uns Menschen eine Anleitung, um als Freunde Gottes erwählt und gewürdigt zu werden, denn ein jeder trägt dieses Potential in sich.

In diesem Sinne gilt es für uns nicht nur uns am Leben zu erhalten, sondern Lebenswürdigkeit, Liebe und Hoffnung in die Leben anderer zu tragen. Erst dann begehen wir den Weg der Gottesfreunde, den Weg der Propheten und erst dann können wir mit Ehrlichkeit um die Barmherzigkeit Gottes bitten.

So wie unser Prophet, Friede sei und Segen Gottes mit ihm, zu sagen pflegte: „Seid barmherzig mit den Weltenbewohnern, so wird Gott barmherzig mit euch sein.“

In diesem Sinne beten wir:

Oh Herr, schenke auch uns die Einsicht und die Haltung, die Deine zu Freunden auserwählten zu Tage legten. Schenke, denjenigen, die es schafften als Gottesfreunde auserwählt zu werden, Heil und Frieden und lass deren Wirken auch uns ein Vorbild sein. So lass unser Leben und unsere Haltung im Lichte Deiner Zufriedenheit und deinem Wohlgefallen aufgehen. Erleuchte unser heute und unser morgen, und erwecke die erloschenen Herzen zu neuem Leben. Amin.

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[Zum Attentat von Pittsburgh]

Verehrte Gläubige,

selbst wenn es sich weit weg von uns ereignete, ist das Ausmaß des Dramas in Pittsburgh (USA) auch hier spürbar. Elf Unschuldige Menschen wurden brutal getötet während ihres jüdischen Gottesdienstes.

Dies ist nicht nur eine zu verabscheuende Gräueltat, sondern es lehrt uns einige Dinge: Wir lernen, dass Terror keine Religion kennt. Und wir lernen, dass uns allen – und insbesondere den politischen Führungspersonen – stets obliegt, dass wir mit unseren Worten und unserer Haltung nicht (!) zu Polarisierung, Schwarz-Weiß-Malerei, Angstmacherei beitragen dürfen und keine Diffamierung und Respektlosigkeit dulden dürfen; und unsere Sprache und unsere Wortwahl stets prüfen müssen!

Wir alle müssen wach sein und wachsam sein gegenüber jeglicher negativer Stimmungsmache innerhalb unserer Gesellschaft!

Diese abscheuliche und unmenschliche Tat ist ein Produkt der Verantwortungslosigkeit . Sie hat sich wie andere Terrorakte tief in das Bewusstsein der Menschen in den USA eingebrannt und ist uns allen eine Warnung, wohin die Welt (wieder) gehen kann, wenn wir den Verantwortungslosen nicht Einhalt gebieten! Wir dürfen unsere Welt nicht denjenigen überlassen, die Hass und Feindschaft in unser Miteinander säen, und wir dürfen nicht tatenlos zusehen, dass sich gesellschaftliche Schluchten auftun zwischen Menschen verschiedener religiöser oder politischer Weltanschauungen.

In diesem Sinne: Je mehr Hass und Zwietracht gesät wird, desto mehr Begegnung, Verständnis und Respekt müssen wir in die Welt tragen! Dies müssen wir mit dem Bewusstsein tun, dass nur so ein friedvolles Miteinander und eine hoffnungsvollere Zukunft gewährleistet ist. Nur darauf lässt sich eine lebenswerte Gesellschaft aufbauen, die den Herausforderungen unserer Zukunft und Welt gewachsen ist.

In diesem Sinne, spreche ich mein herzliches Beileid aus.

Möge Gott die Verstorbenen in Pittsburgh mit seiner Barmherzigkeit empfangen und möge Er den Hinterbliebenen Kraft und Geduld schenken, amin!