Sufismus als Weg und Wissen: Eine Einführung in die islamisch-mystische Tradition

Mystik im Islam wurde, genauso wie in anderen religiösen Traditionen, zuerst gelebt. Die Vielfältigkeit der islamischen Mystik (Sufismus) gründet auf der Vielfalt mystischer Erfahrungen. Der Sufismus (taṣawwuf) als islamische Mystik ist jedoch seiner klassischen Auffassung nach nicht nur eine spirituelle Lebensweise, sondern zugleich auch eine religiöse Disziplin, die über diese Lebensweise reflektiert. Damit weist der Sufismus auf eine doppelte Grundbestimmung hin, die man schlicht in den Begriffen „Weg“ (ṭarīqa) und „Wissen“ bzw. „Wissenschaft“ (ʿilm) zusammenfassen kann.

Der Weg des Sufismus ist ein „spiritueller Weg“, der aus zahlreichen inneren „Stationen“ (maqāmāt) und geistigen „Zuständen“ (aḥwāl) besteht und zu der spirituell-ethischen Vervollkommnung des Menschen führt (iḥsān). Als Weg ist der Sufismus grundsätzlich Läuterung (taṣfīya) und Erkenntnis (maʿrifa); als Wissen bzw. Wissenschaft ist er eine intellektuelle Betrachtung und Erwägung über die Eigenschaften, Inhalte, Techniken, Phasen und Charakteristiken dieses Läuterung- und Erkenntnisweges. „Die Wissenschaft des Sufismus“ (ʿilm al-taṣawwuf) ist somit eine ganzheitliche Wissenschaft von den geistigen Zuständen und mystischen Stationen. Und nur als Weg und Wissen zusammen, ist der Sufismus auch Weisheit (ḥikma), ja eine Geistigkeit, die grundsätzlich ethisch ist und eine Ethik, die grundsätzlich geistig ist. Die „Wissenschaft des Sufismus“ (ʿilm al-taṣawwuf), in deren Mittelpunkt die Erforschung der spirituellen Entwicklung des Menschen und der damit zusammenhängenden Möglichkeit seiner Selbst- und Gotteserkenntnis stehen, trägt in sich das Potenzial einer grundlegenden Reformierung des religiösen Lebens, das weit über den rein akademischen Rahmen hinausreicht. Durch die ganzheitliche religiös-spirituelle Ausbildung des Menschen kann die sufische Wissenschaft zu einer Wiederbelebung der authentischen, d. h. grundsätzlich bewusstseinsethischen Religiosität beitragen.

Referent: Dr. Raid Al-Daghistani, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie