Reform(ation) und Islam: Berührungslinien

Bericht zur Veranstaltung: Reform(ation) und Islam: Berührungslinien (by E.K.)

ReferentinDr. Christiane Paulus, Lehrbeauftragte an der Sektion für Islamische Studien in Deutsch an der Al-Azhar Universität in Kairo, Autorin des Buchs: Amin al-Huli: Die Verbindung des Islam mit der christlichen Reformation.

 

Gibt es eine Verbindung des Islam zur christlichen Reformation? – Frau Dr. Paulus versucht diese Verbindung herzustellen, indem sie aus dem Werk von Amin al-Huli zitiert. Amin al-Huli ist ein klassisch moderner Reformer, der zur Schule von Muhammed Abduh gehört.

Muhammed Abduh, der zu den ersten Reformern des Islam gezählt wird, formulierte nach seinem Aufenthalt in Frankreich einst folgende Irritation: „Ich habe den Islam ohne Muslime gesehen.“ Muhammed Abduh beschreibt mit dieser scheinbar paradoxen Aussage Eindrücke, die er in Frankreich gemacht hat. Doch wie ist diese Aussage zu interpretieren?

Frau Dr. Paulus folgert aus diesem Satz zwei Hauptthesen von Muhammed Abduh:

  1. Dem Islam fehlt der Reformationsimpuls.
  2. Muhammed Abduh sieht die Franzosen als „latente Muslime“ und stellt eine Ähnlichkeit zu den Muslimen her.

Frau Dr. Paulus geht dabei näher auf die zweite These ein und sucht geschichtliche Gründe für das Entstehen der Ähnlichkeit:

Gibt es Gründe in der Geschichte für eine Ähnlichkeit?

Da die Geschichtsbücher immer von den Siegern geschrieben werden, wird nicht berichtet, was die „kleinen Leute“ in dieser Zeit machten. Amin al-Huli strukturiert in seinem Werk gerade diese nicht-erzählten Informationen aus der Geschichte neu und versucht so die Verbindung vom Islam zur christlichen Reformation herzustellen.

Vorreformation: Die Waldenser

Amin al-Huli berichtet in seinem Werk von den Waldensern: „Treten im Süden Frankreichs in Erscheinung, als sich der Durchbruch des politischen und geistlichen Islam ausgedehnt hatte.“

Die Waldenser beziehen sich auf  Petrus Valdus, der ein Kaufmann in Lion war. Dieser stellte fest, dass die römische Kirche sich zunehmend von dem Evangelium abwandte und forderte sie auf, wieder zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Eine zentrale Forderung von Valdus war dabei die Rückkehr zur Heiligen Schrift. Der Bezug zur Heiligen Schrift spielt gerade im Islam eine zentrale Rolle. Ist es möglich, dass die Inhalte von Petrus Valdus islamisch motiviert waren? – Frau Dr. Paulus zeigt die Verbindungen von Valdus zum islamischen Milieu auf:

  1. Kaufmannsmilieu: Valdus war als Kaufmann tätig. Theologische Debatten gehörten in den Alltag von Kaufmannsleuten, sodass ein Austausch der Kulturen in diesem Milieu nicht unüblich war. Amin al-Huli schreibt in seinem Werk dazu: „Mit den Waren wurde auch eine Kultur mitgekauft“.
  2. Lokalität der Waldensertäler: In den Alpentälern, in denen die Waldenser beheimatet waren, gab es 200 Jahre vorher islamische Zentren und Stützpunkte.

Diese beiden Aspekte zeigen, dass Petrus Valdus durchaus Kontakt zum islamischen Milieu ​hatte. Eine islamisch gefärbte Motivation seiner Forderungen wäre damit nicht ausgeschlossen. Weiterhin sprechen die Forderungen selbst für solch eine Motivation. So bestanden die Forderungen unter anderem in folgenden Aspekten:

  • Rückkehr zur Schrift
  • Laien haben das Recht die Schrift zu lesen, zu verstehen und auszuleben
  • Wanderpredigten
  • Gemeinschaft
  • Nachfolge

Alle diese Aspekte sind laut Frau Dr. Paulus auch im Islam wiederzufinden:
Der Bezug zur Heiligen Schrift ist für den islamischen Glauben von zentraler Bedeutung. Zudem wurde der Koran in arabischer Sprache offenbart, sodass alle Muslime diesen lesen und verstehen konnten. Die Wanderpredigten werden im Islam als „Dawa“ bezeichnet. Auch die Gemeinschaft, die „Umma“, hat einen hohen Stellenwert im Islam. Die Nachfolge deckt sich mit der „Sunna“ des Propheten und beschreibt eine weltbejahende Lebensweise.

Reformation: Luther und die katholische Kirche

Doch nicht nur in der Vorreformation sind Auswirkungen des Islams festzustellen.
Auch die katholische Kirche hat, trotz einer grundlegend islamophoben Haltung, Elemente vom Islam aufgenommen. Islamische Spuren finden sich unter anderem in philologischen Elementen der Reformation wieder: Spuren des Islam finden sich so unter anderem in Erzählungen, im Bereich der Bildung und der Musik wieder. Gerade die Musik stellte ein wichtiges Medium für die Reformation dar: Man sagt die Reformatoren hätten sich in die Reformation hineingesungen.
Der Islamische Einfluss in dem Bereich der Musik zeigt sich beispielsweise an einem Bild,
das Luther mit einer Laute darstellt. Das Instrument Laute wird von dem arabischen Wort „al-Ud“ abgeleitet und kommt aus dem arabischen Raum. Auch der Klang der Musik ähnelte stark muslimischer Art. Neben der Musik wurden auch Erzählungen übertragen:

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ (Martin Luther)

Dieses Zitat von Martin Luther findet sich in ähnlicher Weise auch im Islam wieder.
So lautet ein Hadith vom Propheten Muhammed (s.a.v.): „Wenn du weißt, dass morgen der Jüngste Tag ist, dann pflanze heute noch ein kleines Bäumchen.“ Dieser Ausspruch des Propheten würde wiederum auf einen jüdischen Kontext zurückführen – so Frau Dr. Paulus.

Auch in den rationalen Elementen der Reformation finden sich islamische Spuren wieder:

Glauben und gute Werke stellen das Prinzip der Reformation dar. Während der Glaube reicht, um Gottes Gnade zu erlangen, stellen die guten Werke eine automatische Folge des Glaubens dar. Glaube und gute Werke sind in der Reformation Voraussetzungen für die Gnade Gottes.
Dieses Prinzip findet sich in auch im Islam wieder. So heißt es in der Sure al-Asr:

Wahrlich, der Mensch befindet sich in einem Zustand des Verlustes; Außer denen, die glauben und gut rechtschaffen handeln und sich gegenseitig zu standhafter Geduld aufrufen.“ (103: 2,3)

Schlussfolgerung

Obwohl die Fragen der religiösen Paradoxien ganz allgemein sind und jede Religion Sünde und Vergebung, Gerechtigkeit und Gnade kennt, ist doch eine spezielle Relevanz von Islam und Reformation in diesem Zusammenhang zu erkennen.

Sicher gibt es andere dogmatische Inhalte und hermeneutische Zugänge zu den religiösen Diskursen. So stellen sich für Muslime etwa folgende kritische Fragen an die Reformation: „Ist das Kreuz notwendig, um die Gnade Gottes zu versichern?“ „Warum wurden die Beschlüsse des Konzils (Trinität, Zweinaturenlehre) in der Reformation nicht aufgegeben?“ „Ist die Reformation überhaupt vollständig?“

„Ich lasse mich gerne irritieren und überzeugen, wenn das Argument plausibel ist“, sagt Frau Dr. Paulus und fordert dazu auf, sich selbst in Frage zu stellen und neue Zugänge zu suchen, statt nur Selbstverteidigung zu führen. Sie betont, dass es den Muslimen nicht peinlich sein muss diese kritischen Fragen an die Reformation zu stellen. Gleichzeitig zeigt sie auf, dass die muslimische Welt noch weit weg vom Islam ist: Ehre und Selbstdarstellung würden das Sachinteresse überwiegen, die politischen Systeme würden die Menschen knechten, Religiosität sei sehr Riten-lastig, sie sei in Normen gezwängt und sie unterbinde Kommunikation und gegenseitige Kritik. Gerade dies sei jedoch in der Sure al-Asr gefordert.

Berührungen sind wie mathematische Muster: Es gibt immer Gemeinsamkeiten und auch Differenzen. Wichtig bleibt die Kommunikation über diese Inhalte, Themenstile und Praxen.