„Kommt! Lasst uns für einen Moment glauben!“

“Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur (dazu) erschaffen, damit sie Mir dienen.” (aḏ-Ḏāriyāt 51:56)

(aḏ-Ḏāriyāt 51:56) وَمَا خَلَقْتُ ٱلْجِنَّ وَٱلإِنسَ إِلاَّ لِيَعْبُدُونِ

Verehrte Gläubige,

vor einigen Tagen fragte mich eine Dame christlichen Glaubens während einer Vorstellungsrunde völlig unvoreingenommen: „Sind sie gläubig?“ Ich bejahte zwar, aber innerlich stutzte ich, denn diese Frage hatte mir seit langem niemand mehr gestellt. Insbesondere wenn man als Imam oder theologischer Referent unterwegs ist, scheint es selbstverständlich, gläubig zu sein und dennoch klang diese Frage irgendwie merkwürdig… ! Auf den ersten Blick, ja; tatsächlich bin ich ihr aber sehr dankbar darüber, denn es weckte in mir gewisse Gedanken und Gefühle, die ich heute mit euch teilen möchte.

Ist es damit getan einfach zu behaupten, man sei gläubig? Und was steckt oder sollte eigentlich hinter dieser bewussten Aussage “Ja, ich bin gläubig” stecken? Es war für mich eine Erinnerung und ich nahm es auf als eine “Nasiha” – einen gut gemeinten Ratschlag -, Glaube zum einen nicht als etwas Selbstverständliches wahrzunehmen und zum anderen auch darüber nachzudenken, was es überhaupt bedeutet zu sagen: „Ja, ich glaube“. Ich erinnerte mich an die mahnenden Worte des erhabenen Korans:

“Die Wüstenaraber sagen: „Wir glauben.“ Sag: Ihr glaubt nicht (wirklich), sondern sagt: ,Wir sind Muslime geworden‘, denn der Glaube ist noch nicht in eure Herzen eingezogen. Wenn ihr aber Allah und Seinem Gesandten gehorcht, verringert Er euch nichts von euren Werken. Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.” (al-Hudschurat 49:14)

Auch wir müssen uns ständig fragen, inwieweit der Glaube tatsächlich in unsere Herzen eingegangen ist, und unseren Glauben erneuern. Denn auch unser geehrter Prophet (ﷺ – Friede und Segen seien mit ihm) rät uns: جَدِّدُوا إِيمَانَكُمْ بِلَا إِلٰهَ إِلَّا اللّٰهُ  Also: “Erneuert euren Glauben mit “La ilaha illallah”.” (Müsned-i Ahmed Ibn Hanbel, 2:359) Jedoch meint unser Prophet () hier nicht das einfache wiederholte sprechen dieser Aussage, sondern es muss tief in unserem Herzen und Gewissen seinen wahren Platz finden. Wir sollen uns ständig bemühen, diese Wahrheit in ihrer Tiefe zu ergründen, um sie in unserer Haltung und Handlung wieder zu spiegeln. Wir als vergessliche Naturen bedürfen dieser ständigen Erinnerung und Ermahnung.

Denn es ist einfach gesagt, aber ist es damit getan? Die islamische Gelehrsamkeit beantwortet diese Frage auch unterschiedlich. Für die einen ist es ausreichend, das Glaubensbekenntnis zu sagen und mit dem Herzen ebenso zu bestätigen, für die anderen ist Glaube fest gebunden an Handlungen wie den Gottesdiensten. All dies hat aber nur wirklich Bedeutung vor Gott, wenn wir uns auch wirklich nur Ihm zuwenden. Es hat keinen Sinn, Gottesdienst zu leisten, z.B. wenn man dies aus Augendienerei (riya’) heraus macht oder aufgrund irgendwelcher materieller Begierden (Anerkennung, Stellung, Macht, Reichtum uvm.). Glaube impliziert, fest an das Verborgene zu glauben, wie in Sure al-Baqara “alladhina yu’minuna bil-ghayb” zu Anfang geschrieben steht. Zu dem Verborgenen kommt an erster Stelle das Dasein Gottes, das Jenseit usw.

Aber zum glauben gehört auch eine gewisse Anstrengung und Reflexion: “Und Ich habe die Ginn und die Menschen nur (dazu) erschaffen, damit sie Mir dienen.”, heißt es in der Sura aḏ-Ḏāriyāt Vers 56. Es ist aber nicht nur ein blinder Gottesdienst damit gemeint und gefordert, sondern ein reflektierter Gottesdienst, der uns bewusst macht, welche Bedeutung unsere Handlung impliziert, und eine Bemühung um die Erkenntnis Gottes und seiner Schöpfung, wie es Ibn Abbas (Gottes Wohlgefallen auf ihn) definiert. Er beschreibt nämlich “li-ya’budun” (dienen) als “li-ya’rifun” (erkennen).

Wir sehen es auch sehr schön in der Erzählung Abrahams im Koran (al-An’am 6:74-79), der über das Dasein Gottes reflektiert und mit Anstrengung sucht, indem er die Gestirne, die Sterne, den Mond, die Sonne beobachtet und sie nacheinander disqualifiziert als etwas Göttliches! Ja, Erkenntnis und Liebe sind eng miteinander verbunden, aber Liebe bedarf auch einer Anstrengung.

Der folgende Vers im Koran deutet ebenso darauf hin: “O die ihr glaubt, glaubt an Allah und Seinen Gesandten und das Buch, das Er Seinem Gesandten offenbart und die Schrift, die Er zuvor herabgesandt hat. Wer Allah, Seine Engel, Seine Schriften, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag verleugnet, der ist fürwahr weit abgeirrt.” (an-Nisâ 4:136)

Angesprochen sind hier diejenigen, die bereits zum Glauben gekommen sind. Auch sie werden aufgefordert ihren Glauben nochmals zu erneuern und nach einem reflektierten Glauben zu streben.

Verehrte Gläubige,

Zu guter Letzt: Ich erinnerte mich an die Worte der Gefährten, die einander anriefen: „Komm und lass uns für einen Moment (sa’atan) glauben!“.

Insofern denke ich, wir – der Mensch – sind vergesslich. Dieser unserer Vergesslichkeit müssen wir stets bewusst sein. Die Gottesdienste, das Gebet, das Fasten usw. sind insofern Gaben, die uns zum Erinnern aufrufen. Unser Wesen bedarf genau dieser Erinnerung, denn ansonsten schweift er ab und beraubt sich seiner eigenen Freiheit. Wieso Freiheit, mag man sich fragen: nun, der Mensch ist erst dann wirklich frei, wenn er sich im Herzen von dem Ballast des Diesseits wirklich befreien kann, ansonsten ist er stets Diener diesseitiger Genüsse, jedoch nicht wirklich Diener des Einen und Erhabenen.

In diesem Sinne: „Ta’alaw nu’min sa’atan!“ – „Kommt, lasst uns für einen Moment glauben!“  – uns unserem Schöpfer hingeben, an sein Bund mit uns erinnern, für die Gaben danken und ihn preisen!

Subhanaka la ‚ilma lana illa ma allamtana innaka ‚alimu-l-hakim.