Der unbegreifliche Begriff – Gott

Bericht zur Veranstaltung am 28.03.2019

Am 28.03.2019 fand die zweite Veranstaltung der für das Jahr 2019 geplanten Reihe „Islam kompakt – Muslime erzählen“ statt, in der dieses Jahr überwiegend die Glaubensgrundsätze des Islam erklärt werden sollen. Das Thema war das Gottesbild im Islam. Die Veranstaltung fand im Forum Dialog in Berlin statt.

Der Referent Eyüp Besir studierte Bauingenieurwesen und  islamische Theologie und war 11 Jahre lang Vorsitzender des FID e.V. in Frankfurt. Zur Zeit ist er der Vorsitzende des Türkisch Deutschen Bildungsvereins TDB in Mannheim.

Herr Besir begann seinen Vortrag mit einem Hinweis auf die Komplexität und den Umfang des Themas. Er stellte kurz dar, dass es im Laufe der Geschichte der islamischen Theologie unterschiedliche Vorstellungen zu diesem Thema gab und dass es unmöglich ist, das Gottesbild im Islam an einem Abend darzulegen. Er werde versuchen, das Gottesbild, das sich bei ihm anhand der islamischen Quellen und seinen bisherigen Erfahrungen im Leben gebildet hat und seiner Meinung nach mit dem Gottesbild der sunnitisch maturidischen Glaubensschule im Einklang steht, vorzustellen.

Den Vortrag teilte er in zwei Teile. Im ersten, längeren Teil ging es um die Existenz Gottes, seine Namen und seine Eigenschaften. Im zweiten Teil sprach Besir über die Beziehung des Menschen mit seinem Schöpfer im Rahmen dieser Gottesvorstellung.

Die Frage nach dem Wesen Gottes ist eine Andere als nach der Existenz Gottes. Der Mensch sei nicht in der Lage, das Wesen Gottes zu begreifen. Dies sei jedoch kein Grund dafür, seine Existenz abzustreiten. Der Prophet Muhammed (ﷺ –Friede und Segen seien mit ihm) sagte deshalb: „Versucht nicht Gottes Wesen zu begreifen, sondern versucht Gott anhand seiner Schöpfung zu erkennen.“

Gott ist das Sein, das wir durch Seine Namen und Eigenschaften, nicht aber – wie gesagt – durch sein Wesen erkennen und begreifen können. Was heißt das? Besir veranschaulicht diesen Satz mit folgendem Beispiel: Ein Kunstwerk wie die Mona Lisa ist das Ergebnis von den Eigenschaften des Künstlers Da Vinci. Das heißt, der Künstler ist nicht mit seinen Wesen im Kunstwerk, sondern durch seine Eigenschaften. Darüber hinaus hat Da Vinci verschiedene Eigenschaften als Bildhauer, Maler oder Naturwissenschaftler. Seine Skulpturen, Gemälden und Berechnungen widerspiegeln nicht ihn, sondern seine jeweiligen Eigenschaften. Genau so ist das gesamte Universum eine Widerspiegelung der Eigenschaften Gottes.

Betrachten wir einen Apfel aus dieser Perspektive, erschließen sich uns mehrere Namen und Eigenschaften Gottes: Damit es diesen Apfel überhaupt gibt, muss er erschaffen werden. Dies zeigt die Eigenschaft Gottes als Schöpfer. Durch das Wirken des Namens al-Musawwir (der Formende) erhält der Apfel seine Form. Durch die Namen al-Muzayyin (der Schmückende) und al-Mulawwin (der Färbende) bekommt der Apfel seine Schönheit und seine Farbe. Durch das Erscheinen des Namens Al-Razzak (der Ernährende) bekommt der Apfel seine Eigenschaft als Nahrung für z.B. den Menschen. Diese Liste kann fortgeführt werden.

Wenn über die Namen und Eigenschaften Gottes gesprochen wird, muss beachtet werden, dass diese Namen und Eigenschaften nicht wie bei Geschöpfen relativ zu betrachten sind, sondern absolut. Wir Menschen seien nicht in der Lage, seine Namen und Eigenschaften in ihrer absoluten Form zu begreifen.

Nachdem Besir auf die Art und Weise, wie die Namen und Eigenschaften Gottes zu verstehen sind, eingegangen ist, brachte er dem Zuhörer diese näher. Er unterteilt die Eigenschaften bzw. Attribute Gottes in zwei Gruppen: Gotteigene Attribute, also Eigenschaften, die nur Gott alleine besitzt, und Tätigkeits-Attribute, also Eigenschaften, die Gott in absoluter Form besitzt und seine Geschöpfe in relativer Form besitzen können. Aus den islamischen Quellen, so Besir, kennt man sechs Gotteigene Attribute:

  1. der Existierende (Wudschud); dessen Existenz aus sich selbst heraus ist und notwendig ist. Die Existenz der Geschöpfe ist nicht notwendig, sie könnten auch nicht existieren.
  2. Der Anfangslose (Kidem); Gott hat soweit keinen Anfang, dass er nicht an die Zeit gebunden ist.
  3. Der Endlose (Beka); das Universum, dessen Anfang vom anfangslosen Schöpfer ausgelöst wurde, wird ein Ende haben, der vom endlosen Schöpfer ausgelöst wird.
  4. Der Eine Gott (Wahdaniyyet); „Gäbe es in (Himmel und Erde) Götter außer Allah, dann wären wahrlich beide dem Unheil verfallen. Gepriesen sei denn Allah, der Herr des Throns, Hocherhaben über das, was sie beschreiben.“ (Sure „Die Propheten“ 21:22)
  5. Der niemandem unter seinen Geschöpfen ähnelnde Gott (Muhalefetun li´l-havadis); ein Künstler ist nicht mit seinem Kunstwerk zu vergleichen.
  6. Der aus sich selbst existierende Gott (Kiyam bi nefsihi); „Allah – kein Gott ist da außer Ihm, Dem Ewiglebenden, Dem durch Sich Selbst Seienden…“ (Sure „Die Kuh“ 2:255)

Die Tätigkeits-Attribute  widerspiegeln sich in der Schöpfung, so dass wir in jedem Geschöpf einige dieser Attribute erkennen können, wobei diese Attribute bei Gott absolut und bei den Geschöpfen als relativ zu betrachten sind. Diese sind acht an der Zahl:

  1. Das Leben (Hayat); Gott ist lebendig. Sein Leben hat weder Anfang noch Ende. Alles Leben kommt von Ihm und geht zu Ihm.
  2. Das Wissen (´Ilim); Gott ist allwissend. Sein Wissen umfasst Raum und Zeit und alle erschaffenen Dimensionen, die wir kennen und nicht kennen.
  3. Das Hören (Semi`); Gott hört alles. Sein hören ist nicht begrenzt, wie bei Seinen Geschöpfen.
  4. Das Sehen (Basar); Gott sieht alles. Sein sehen ist auch nicht begrenzt. Gott sei dank ist unser hören und sehen begrenzt. Sonst könnten wir gar nicht leben.
  5. Das Wollen (Irade); Nichts geschieht ohne Seinen Willen. Auch unser freier Wille ist erst durch seinen Willen möglich geworden. Zum Beispiel haben die Engel diesen freien Willen nicht.
  6. Die Allmacht (Kudret); Gott ist allmächtig. Das gesamte Universum ist für uns ein Beispiel seiner Allmacht.
  7. Das Wort (Kelam); Er spricht zu all seinen Geschöpfen. Für jedes Geschöpf hat Gott aber eine andere Redensart. Mit den Menschen redet er durch seine Gesandten und Bücher.
  8. Das Erschaffen (Tekwin); Alles, was außer Gott existiert, wurde von Ihm erschaffen.

Nach der Ausführung dieser Attribute ging Besir zum zweiten Teil seines Vortrags über, in dem er über die Bedeutung Beziehung zwischen Gott und dem Menschen beim Gebet einging.

Das Gebet  ist die wichtigste Form der Anbetung Gottes, denn es zeigt die Aufrichtigkeit des Menschen und seine Loyalität gegenüber Gott. Das Gebet bringt in vollkommener Weise die Anerkennung Gottes zum Ausdruck. Es wird zwischen dem rituellen Gebet und dem formlosen Bittgebet unterschieden. Die vorgeschriebenen rituellen Gebete werden vom Gesandten Gottes (ﷺ) als der Grundpfeiler des Glaubens bezeichnet. Nachdem Besir einige Worte zum rituellen Gebet verlor, wandte er sich in seinem Vortrag dem formlosen Bittgebet zu.

Er führte aus, dass das Gebet keine Form einer Beauftragung von Gott sei, in Folge deren er für uns etwas erledigen oder ausführen muss. Diese Annahme sei das größte Missverständnis der Menschen über das Gebet. Ich als Mensch, der am Anfang ein Nichts gewesen ist und der durch die Liebe und Gnade Gottes existent wurde, habe kein Recht von Gott etwas zu verlangen und Er ist nicht verpflichtet, mir das Verlangte unverzüglich zu geben, so Besir. Es gebe drei Antwortmöglichkeiten auf ein Bittgebet. Gott gibt dem Menschen, wofür er betet; Gott gibt etwas besseres, als das, wofür der Mensch betet, oder Gott gibt es zu einem späteren Zeitpunkt, im Diesseits oder Jenseits. Dies liege in Seinem Willen.

Im Leben erlebt ein Mensch viele Prüfungen. Manchmal kommt die Prüfung als Reichtum, manchmal als Armut, manchmal als Gesundheit und manchmal als Krankheit. Dankbarkeit bei positiv dotierten Prüfungen und Geduld und Gottvertrauen bei negativ-dotierten Prüfungen haben zur Folge, dass der Mensch im Jenseits Gottes Wohlgefallen und ewige Glückseligkeit erreichen wird. Wie diese Geduld und Dankbarkeit aussehen könnte, veranschaulicht Besir anhand der Geschichte von Hiob (Friede sei mit Ihm), als er sagte: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt.“ (Hiob, 1:21). Anhand weiterer Prophetengeschichten bzw. -gebeten zeigt Besir, wie die Geduld und das Gottvertrauen bei negativ-dotierten Prüfungen aussehen sollte und wie er aus diesen bei seiner persönlichen familiären Prüfung Kraft geschöpft und Aufmunterung gefunden hat.

Abschließend sagte Besir, dass das schönste Ziel und die süßeste Frucht des Gebets folgender sei: Ein Mensch, der betet, begreift, dass es jemanden gibt, der ihm zuhört und der genau weiß, was sein Herz bewegt, und dessen Hand alles erreichen kann, und der jeden seiner Wünsche erfüllen kann und der Mitleid mit ihm hat und ihm in seiner Not stets zu Hilfe kommt. Was kann sich ein Mensch noch wünschen?