Barmherzigkeit im Islam

Grundlage für ein friedliches Miteinander im Lichte des Korans und der Sunna

Bericht zur Veranstaltung am 06.11.2018

Referent: Mohamed Taha Sabri ist Imam der Dar-as-Salam-Moschee des Vereins Neuköllner Begegnungsstätte. Mit bis zu 1500 Gläubigen ist sie eine der meistbesuchten Moscheegemeinden in Berlin. Die Moscheegemeinde ist als Verein unter dem Namen Neuköllner Begegnungsstätte e. V. (NBS) organisiert. Taha Sabri erhielt 2015 für seinen Einsatz im interreligiösen Dialog den Verdienstorden des Landes Berlin.

Wie ist der Begriff der Gnade im Islam zu verstehen? Sabri widmet sich in seinem Vortrag dieser Frage und gibt zunächst die etymologische Bedeutung des Wortes „Rahmet“ (Barmherzigkeit) wieder und erläutert, dass die Grundbedeutung des Wortes Rahmet der arabischen Sprache der Wortwurzel (R H M) entstammt, was so viel bedeutet wie begnadigen/ Mitleid haben / versorgen/ Mitgefühl zeigen. Sabri erklärt auch, dass „Rahmet“ in der Bedeutung auf den Mutterleib bzw. den Mutterschoß, als Ort des Mitgefühls und der Barmherzigkeit verweist. Die Barmherzigkeit, so Sabri, ist die meisterwähnte göttliche Eigenschaft in den islamischen Quellen.

Sabri versteht die Barmherzigkeit als Fundament der göttlichen Handlungslogik. Er begründet dies, indem er eine Reihe von Überlieferungen aus den Hadithen verweist. So wird zum Beispiel auf die erste bekannte, überlieferte Interaktion zwischen Adam und Gott verweist. Dabei hat Adam – als erste Handlung – nachdem ihm Leben eingehaucht wurde, geniest, woraufhin der Schöpfer ihn Barmherzigkeit wünscht: „Möge Allah mit dir barmherzig sein“ (Hadith)

Gemäß weiteren Überlieferungen stand vor der Schöpfung der Menschen und der Welten auf dem Thron Gottes geschrieben: „Meine Barmherzigkeit überholt meinem Zorn!“. (bzw. Meine Barmherzigkeit hat meinen Zorn besiegt.“)Herr Sabri leitet daraus ab, dass die Barmherzigkeit selbst die Hauptursache für die Schöpfung ist.

Sabri berichtet, dass eine authentische Überlieferung uns mitteilt, dass während die anderen Geschöpfe Gottes, wie zum Beispiel die Erde und das Meer, sich über die Undankbarkeit des Menschen beklagen, Gott selbst zu ihnen spricht und ihnen mitteilt, dass, wenn sie die Menschen geschaffen hätten, sie gewiss auch barmherzig mit ihnen gewesen wären. Auch verkündet Gott in der Offenbarung: „Und meine Barmherzigkeit umfasst alles.“ (7:158)

Diesen Gedanken finden wir in folgender Überlieferung des Propheten wieder, wo erwähnt wird, dass 99 Teile der göttlichen Barmherzigkeit aufgehoben wurden für den Tag des Jüngsten Gerichtes, und nur ein Teil dieser Barmherzigkeit für das Diesseits bestimmt ist, sodass all die in der Welt existierende Barmherzigkeit nur einen minimalen Bruchteil der göttlichen Barmherzigkeit bildet.

Sabri folgert daraus: Sowie die Barmherzigkeit die Beziehung von Gott und der Schöpfung maßgeblich mitbestimmt, so bildet sie ebenfalls die Grundlage der Interaktion, beziehungsweise der Beziehung zwischen den Geschöpfen. Je barmherziger der Mensch ist, umso barmherziger ist Gott mit ihm.

So verkündet der Prophet in einem Hadith: „Bei Gott! Gottes Barmherzigkeit wird nur dem zuteil, der barmherzig ist. Daraufhin erwiderten die Gefährten des Propheten, dass jeder irgendwie barmherzig ist. Daraufhin sagte der Prophet: Es ist nicht die Barmherzigkeit zwischen Freunden gemeint, sondern die Barmherzigkeit mit allen Menschen.“ (Buhari)

An diesem Punkt macht Sabri den dritten Schritt und geht auf die zentrale Rolle der Barmherzigkeit bezüglich des Verhältnisses des Menschen mit seiner Umwelt ein: Demnach ist der Gläubiger nicht nur verpflichtet mit den Mitmenschen barmherzig zu sein, sondern darüber hinaus allen Geschöpfen mit Respekt und Barmherzigkeit zu begegnen. So erwähnte der Prophet in einer Überlieferung: Seid barmherzig mit der Schöpfung, so wird der Schöpfer mit euch barmherzig sein.

Imam Sabri betont, dass die Barmherzigkeit ebenso ein Hauptgrund für die göttliche Vergebung ist. Dieser Gedanke ergibt sich aus mehreren Überlieferungen. Besonders in der Überlieferung über eine Frau, die den Durst eines streunenden Hundes gestillt hat und trotz ihrer großen Sünden mit vollkommener Vergebung belohnt wurde. Denn je barmherziger der Mensch ist, desto humaner ist er.

Im Umkehrschluss ist ein unbarmherziges Verhalten ein Grund für den Zorn Gottes. Denn fehlende Barmherzigkeit ist Unrecht. Und wie sich Gott dazu entschlossen hat barmherzig zu sein, so hat er die Menschen verpflichtet, kein Unrecht zu tun. Dies können wir ebenfalls aus der überlieferten Geschichte entnehmen, wo eine Frau dafür bestraft wurde, als eine Katze den Hungertod erlitt, weil sie eingesperrt wurde und mit Unbarmherzigkeit und Unrecht behandelt wurde.

Eine weitere Überlieferung verfestigt diesen Gedanken. Wird ein Vogel aus Vergnügen getötet, so eilt er zu Gott und klagt seinen Mörder an. (Nessai) Das bedeutet, dass ein unbarmherziges Verhalten Unrecht ist und deshalb bestraft wird. So sagt der Prophet: „Wer einen Baum grundlos zerstört, dem droht das Fegefeuer als Strafe.“

Sabri betont jedoch, dass trotz der unbegrenzten göttlichen Barmherzigkeit der Mensch, als Krone der Schöpfung, verantwortlich für sein Handeln bleibt. Denn Gott vergibt alle Sünden die Ihn betreffen, und bestraft jede Ungerechtigkeit, die seiner Schöpfung wiederfährt. So versteht Sabri die Religion als Rechtleitung selbst als einen Teil der göttlichen Barmherzigkeit.

Herr Sabri stellt an diesem Punkt die Verbindung zu den anderen beiden abrahamitischen Religionen her. Er versteht die heiligen Schriften, beziehungsweise die Bücher wie, die Thora, das Evangelium und den Koran und auch alle Propheten als ein Zeichen der göttlichen Barmherzigkeit. So ist die Nächstenliebe bei den Christen ebenfalls eine Gabe von Gott und eine Verkörperung seiner Barmherzigkeit.

„Hierauf ließen wir hinter ihnen her unsere (weiteren) Gesandten folgen. Und wir ließen Jesus, den Sohn der Maria, folgen und gaben ihm das Evangelium, und wir setzen in das Herz derer, die sich ihm angeschlossen, Milde, Barmherzigkeit, und Mönchtum.“ (57:27)

Abschließend betont Sabri, dass die Muslime den Propheten Muhammed als Entscheidung der Barmherzigkeit Gottes verstehen. Dies belegt er durch folgenden Koranvers:

„Und wir entsandten dich nur aus Barmherzlichkeit für alle Welten“(21:107)