Prophetie – Rolle und Bedeutung der Propheten im Islam

Bericht zur Veranstaltung am 24.10.2019

Am 24.10.2019 fand die fünfte Veranstaltung der für das Jahr 2019 geplanten Reihe „Islam kompakt – Muslime erzählen“ statt, in der dieses Jahr überwiegend die Glaubensgrundsätze des Islam erklärt werden sollen. Das Thema war die Prophetie im Islam. Die Veranstaltung fand im Forum Dialog in Berlin statt.

Die Referentin Iclal Baki hat islamische Theologie an der Universität Ankara studiert und ihren Master an der Westfälische Wilhelms Universität in Münster im Bereich Islamwissenschaften und Arabistik abgeschlossen. Im Laufe des Jahres 2019 wird sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Flensburg in der Abteilung Dialog der Religionen arbeiten und dort mit ihrer Promotion beginnen. Frau Baki widmete sich bei ihrem Vortrag an verschiedene Fragen. Fragen wie: „Was bedeutet es an die Propheten zu glauben? Wer sind Propheten? Warum wurden Propheten gesandt? Braucht man Propheten – reicht die Vernunft nicht aus? Welche Eigenschaften und Attribute besitzen sie?“

An die Propheten zu glauben, bedeutet, daran zu glauben, dass Gott zu verschiedenen Zeiten zahlreiche Propheten gesandt hat, welche treu und aufrichtig in ihren Worten und Handeln waren. Hierbei reicht es nicht aus, nur an einige von ihnen zu glauben, der Glaube bezieht sich an alle Propheten, denn erst dann wird dieser Glaubensgrundsatz vollständig.

Darüber hinaus erzählte Frau Baki, dass im Koran 28 Propheten erwähnt werden. Bei drei von ihnen sind sich die Gelehrten jedoch unsicher, ob es sich hierbei um Propheten oder fromme Persönlichkeiten handelt. Aus der Sure El-Mu´min im Vers 78 ist zu entnehmen, dass die Gläubigen auch an Propheten glauben sollen, deren Namen ihnen nicht bekannt sind. Der Koran verzichtet auf Details, weshalb nur konkrete Ereignisse geschildert werden, aus denen die LeserInnen Lehren ziehen sollen.

Im Anschluss ist Frau Baki auf die Frage eingegangen, wer die Propheten sind. Propheten sind jene Personen, die von Gott auserwählt worden sind. Somit heißt das, dass das Prophetentum nicht durch Anstrengung, Askese oder durch viele Taten der Anbetung erlangt werden kann. Gott verkündet mittels der Propheten Seine Botschaft. Nach der islamischen Lehre gibt es eine Unterscheidung zwischen „Rasūl” und „Nabī”. „Rasūl” bedeutet „Gesandter“. Ein Prophet, der eine Offenbarungsschrift bringt, wird „Rasūl”, genannt, wie z. B. Moses (Friede sei mit ihm). Ein Prophet, der keine Offenbarungsschrift bringt, sondern die Menschen zur zuvor etablierten Offenbarungsschrift führt, wird „Nabī”, Prophet, genannt, wie z. B. Josef, Isaak, Aaron und Jonas (Friede sei mit ihnen). Demnach ist jeder „Rasūl” ein „Nabī”, aber nicht jeder „Nabī” ein „Rasūl”. In ihrer Aufgabe, die Gebote Gottes zu verkünden, unterscheidet sich der „Nabī“, der Prophet, und der „Rasūl“, der Gesandte, nicht. Muhammed (ﷺ – Friede und Segen seien mit ihm) ist das „Siegel der Propheten” (ḫātam en-nebiyyīn). [1]

Des Weiteren berichtete die Referentin, warum die Propheten gesandt worden sind. Sie geht davon aus, dass diese Frage mit den Fragen: „Warum wurde der Mensch erschaffen? Was ist seine Aufgabe? Wohin geht er?“ verknüpft ist. Nach dem islamischen Glauben wurde der Mensch als ein Wesen erschaffen, der einen Willen und Vernunft besitzt, um Gott kennenlernen und ihm würdig dienen zu können. Gott weist mit den Worten des Korans in der Sure Edh-Dhāriāt im Vers 56 auf den Umstand hin, dass Er die Djinn (Dämonen) und die Menschen erschaffen hat, damit sie IHN erkennen und IHN anbeten. Die Absicht der Schöpfung des Menschen deckt sich somit mit dem Sinn und Zweck der Gesandtschaft eines Propheten. [2]

Sowohl im Diesseits als auch auf dem Weg vom Diesseits ins Jenseits wurden die Menschen nicht ohne Unterstützung gelassen. Ihnen wurden viele Propheten zu unterschiedlichen Zeiten gesandt, damit diese ihnen die Wege für die Glückseligkeit im Diesseits und im Jenseits zeigen. Somit ist festzuhalten, dass Propheten die Funktion des Wegweisers, des Verkünders und des vortrefflichen Beispiels haben.

Ferner stellte sich die Frage, ob die Vernunft nicht ausreiche, Gott zu finden. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart gibt es Menschen, die an einen Gott glauben, aber den Glauben an die Propheten ablehnen. Mit der Begründung, der menschliche Verstand sei in jedem Bereich ausreichend und brauche keine Anweisung bzw. man wäre selbst in der Lage, Gott zu finden und Ihm zu dienen. Unter den systematischen Theologen wurden bezüglich dieser Einwände Diskussionen geführt, um dieses grundlegende Prinzip, den Glauben an die Propheten, zu begründen. Sie diskutierten über die Frage: “Was ist die Macht der Vernunft ohne die Offenbarung?”, wie z. B. ob die Menschen mit der Macht der Vernunft in ein geregeltes Leben eintreten können, ob sie die Wissenschaften und Künste ohne die Propheten kennen können, ob sie die Existenz und Einheit eines Schöpfers herausfinden können, ob sie wissen können, wie sie Gott anbeten sollen, wie sie Ihm dienen sollen, usw.

Infolge dieser Diskussionen kam man zu dem Entschluss, dass aufgrund der Fähigkeit, die dem Menschen gegeben wurde, zwischen Gut und Böse entscheiden zu können, der Mensch einen Charakter besitzt, der Gutes tut und sich vernünftig verhält, in der Lage ist, vieles zu regeln und in Ordnung zu bringen, aber auch eine schwache Seite hat, emotional ist und mit negativen Gefühlen verbunden auch zu schlechtem Verhalten tendiert. Das heißt, der Mensch ist sowohl zu negativem Handeln, als auch zu positivem Handeln tauglich.

Schließlich haben die systematischen Theologen schlussgefolgert, dass der Mensch einen Wegweiser braucht, der ihm zunächst den Sinn und Zweck der Existenz und des Lebens der Individuen erklärt und ihn über die Glückseligkeit im Diesseits und Jenseits aufklärt. Für weltliche Dinge kann die Vernunft ausreichen, der Mensch kann Wege finden, die ihn zufrieden stellen und befriedigen, aber für das Leben nach dem Tod ist der Mensch an die Offenbarung angewiesen, denn die hierfür erforderlichen Grundlagen werden den Menschen von den Propheten kundgegeben.

Bezüglich der Frage, ob die Vernunft allein genügt oder nicht, sagt Abū Mansūr el-Māturīdī (gest. 333/944), ein Religionsgelehrter und Gründer der islamischen Denkschule Māturidiyye, dass die Art und Weise der Gottesdienste, der Anbetung sowie die Zeiten dieser oder auch andere religiöse Bestimmungen nur durch die Propheten bekannt gemacht werden. Für die Existenz und Einheit Gottes jedoch, dafür genüge die Vernunft. Hierzu können sich die Menschen im Jenseits nicht rechtfertigen, denn sobald die Menschen nachdenken, werden sie in den einzelnen Geschöpfen Zeichen für Seine Existenz und Einheit finden. Die Propheten wurden gesandt, um zu verhindern, dass die Menschen am Jüngsten Tag Einwände gegen Gottes gerechte Beschlüsse erheben können. [3]

Als Nächstes wurden die Eigenschaften und Attribute der Propheten aufgezählt. Die Gesandtschaft gründet sich einzig und allein auf den göttlichen Willen, einen Menschen als Prophet auszuwählen. Gott verkündet dem auserwählten Menschen seinen Auftrag und seine Verantwortung. Die Propheten haben sich nicht selbst die Institution ausgedacht und etabliert. Sie verkünden nur das, was ihnen vom Herrn aufgetragen wurde und nur so, wie es Seinem Willen entspricht. Sie lassen einiges nicht aus oder fügen anderes nicht hinzu. Ihr Auftrag ist göttlich, denn die Religion, die sie bringen ist von Gott. Sie sind verpflichtet, diese göttliche Aufgabe zu erfüllen. Die Propheten überlassen das Ergebnis und die positive Aufnahme ihrer Übermittlung der Botschaft Gottes dem Willen Gottes und mischen sich nicht in den Ausgang ein, denn sie wissen, dass ihre Aufgabe lediglich darin besteht, die Botschaft Gottes zu übermitteln, den Ausgang hingegen überlassen sie völlig Gott. Ein weiterer Punkt ist, dass die Propheten weder materiell noch ideell etwas als Lohn für ihren Dienst erwarten. In vielen Koranversen wird diese Besonderheit der Propheten erwähnt.[4] Darüber hinaus zählt die Aufrichtigkeit ebenfalls als eine Eigenschaft.[5]

Des Weiteren näherten sich die Propheten den Menschen mit schöner Ermahnung und Weisheit.[6] Sie redeten mit ihnen in einer milden und überzeugenden Art und sprachen ihre Herzen, Seelen sowie ihre Vernunft und ihr Verstand an, denn der Mensch sollte bei der Verkündung der Botschaft in ihrer Gesamtheit befriedigt werden. Zu den Attributen der Propheten zählt auch die Wahrhaftigkeit (SIDQ). Alles, was sie sagen, ist von Natur aus wahr und bestätigt. Sie würden niemals Dinge äußern, die nicht der Wahrheit entsprechen.[7] Ein weiteres Attribut ist die Vertrauenswürdigkeit (EMĀNE). Der Koran weist in einer Reihe von Versen auf diese Eigenschaft hin.[8] Die Scharfsinnigkeit (FETĀNE) zählt auch zu den Attributen der Propheten. Das bedeutet, dass sie besonders intelligent, besonders verständig waren. Die Scharfsinnigkeit ermöglichte es ihnen, die zahlreichen Einwände ihrer Feinde zu bewältigen und auftretbare Probleme zu lösen oder die zahlreichen Fragen ihrer Gefährten mit Leichtigkeit zu beantworten. Die Propheten waren aufgrund ihrer Scharfsinnigkeit in der Lage, allen Fragen und Einwänden entgegen zu kommen und Probleme oder Streitigkeiten vorzubeugen oder zu verhindern. Das letzte Attribut der Propheten ist die Sündlosigkeit (ISMET). Sie wurden von Gott vor kleinen und großen Sünden bewahrt. Sie waren die Überbringer der Botschaft, lebten die Religion in der idealsten Form aus und waren für die Menschen Vorbilder. Fehler, die ihnen zugeschrieben werden, waren erstens im wahrsten Sinne keine Fehler, sondern man kann sie als Versehen beschreiben oder so verstehen, dass sie sich bei einer Auswahl zwischen dem Guten und dem Besten, sich für das Gute entschieden haben. Zweitens, waren es Versehen in der Zeit vor ihrer Berufung zum Prophetentum und drittens, betreffen diese Versehen einige Fehleinschätzungen oder Fehlerwägungen bezüglich der Angelegenheiten außerhalb der Offenbarung.

Abschließend wurden die ʿUluʾl-ʿaẓm-Propheten, die Erzstandhaften, erläutert. Propheten unterscheiden sich voneinander unter gewissen Aspekten wie z. B. die Zahl der Angehörigen ihrer Gemeinden, die Weite der Länder, in die sie gesandt wurden, die Verbreitung des Wissens und der Gotteskenntnis in ihren Lehren oder die Zahl und Dauerhaftigkeit ihrer Wunder. Zu den ʿUluʾl-ʿaẓm-Propheten zählen Noah, Abraham, Moses, Jesus und Muhammed (Friede sei mit ihnen).  Die Namen werden in der Sure El-Aḥzāb (33. Sure) Vers 7 erwähnt: „Und (gedenkt) als Wir von den Propheten ihr Gelübde entgegennahmen, geradeso wie von dir (o Muhammed) und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria. Wir nahmen ein feierliches Gelübde von ihnen entgegen.” Manchen von ihnen wurden Titel verliehen. Ḫalīlullāh für Abraham. Das bedeutet der “enge Freund Gottes”. In seinem Herzen befand sich eine übertriebene Liebe zu Gott. Der Titel von Moses ist Kelīmullāh, der “mit dem Gott spricht”, denn er sprach direkt mit Gott. Der Titel von Jesus, ist Kelimetullāh, das “Wort Gottes”, denn er hatte keinen Vater, sondern wurde durch das göttliche Wort “Sei” in seiner Mutter, Maria, erschaffen und zur Welt gebracht. Darüber hinaus hat er die Worte der Weisheit Gottes in seinen Predigten den Menschen verkündet. Der Titel von Muhammed ist Ḥabībullāh, der „Geliebte Gottes“. Er ist der letzte Prophet. Es ist übereinstimmend akzeptiert, dass er der Prophet für alle Menschen und für alle Zeiten ist. Andere wurden stets in einem bestimmten Land, für ein bestimmtes Volk gesandt. [9]

[1] vgl. El-Aḥzāb 33:40.

[2] vgl. El-`Enbiyā´ 21:25.

[3] vgl. En-Nisā` 4:165.

[4] vgl. Yūnus 10:72; Hūd 11:29; Sabā` 34:47.

[5] vgl. Maryam 19:51; Yūsuf 12:24.

[6] vgl. En-Naḥl 16:25.

[7] vgl. Maryam 19:41, 54-57.

[8] vgl. Asch-Schu´arā` 26:123-125, 141-142, 160-162.

[9] vgl. Sabā` 34:28.